DIE ENTWICKLUNG DER SYMPHONIE BEI JOSEPH HAYDN
DIE GESCHICHTE DER SYMPHONIE BEI JOSEPH HAYDN IM DETAIL:
FOLGE 1: HOB.I:1, 2, 4, 5, 10 , 11, 18, 27, 32, 37 UND 107
FOLGE 2: HOB.I:3, 14, 15, 17, 19, 20, 25, 33, 36 UND 108
FOLGE 3: HOB.I:6, 7, 8, 9, 12, 13, 16, 40 UND 72
FOLGE 4: HOB.I:21, 22, 23, 24, 28, 29, 30, 31 UND 34
FOLGE 5: HOB.I:35, 38, 39, 41, 58, 59 UND 65
FOLGE 6: HOB.I:26, 42, 43, 44, 48 UND 49
FOLGE 7: HOB.I:45, 46, 47, 51, 52 UND 64
FOLGE 8: HOB.I:50, 54, 55, 56, 57 UND 60
FOLGE 9: HOB.I:53, 54, 61, 66, 67, 68 UND 69
FOLGE 10: HOB.I:62, 63, 70, 71, 73, 74 UND 75
Die
Entwicklung der Symphonie bei
Joseph Haydn
Es
gibt eine Vielzahl von Versuchen, in das sinfonische Schaffen Joseph Haydns
eine chronologische Ordnung zu bringen. Wie wir im Anschluss gleich sehen
werden, ist dieses Unterfangen zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. Der Grund
liegt in der mangelnden Kenntnis des Lebens Haydns vor 1800. Trotzdem erscheint
es mir wichtig den Versuch zu starten, die Lebensphasen, in welchen sich Haydn
der Gattung der Symphonie zugewandt hat, zu betrachten. Es machte einen Unterschied,
ob Haydn für Graf Morzin oder Paul Anton oder nach dessen Tod für Nikolaus
Joseph Esterházy oder aber für Salomon schrieb, abgesehen von der dazwischenliegenden
zeitlichen Differenz. Wichtig ist auch zu erwähnen, ob sich Haydn zu gewissen
Zeiten mehr der Kammermusik, der Oper oder doch der Symphonie zugeneigt fühlte.
Es stimmt also nicht wunder, dass man, seit die Haydn-Forschung das
„Papa-Stadium“ verließ, immer wieder versuchte, die Hintergründe zu erfassen.
Leider fällt dies schwer, da Haydn erst gegen Ende seines Lebens das nötige
Interesse hinsichtlich biographischer Versuche auf sich zog. Seine großen
Biographen, der Maler Albert Christoph Dies und der sächsische Diplomat Georg
August Griesinger lernten Haydn erst in seinem letzten Lebensabschnitt kennen,
teilweise, wie im Fall Dies’ zu einem Zeitpunkt, als dieser dem Komponieren aus
gesundheitlichen Gründen nicht mehr nachgehen konnte. Griesinger lernte Haydn
1799 kennen. Nicht zu vergessen ist auch, dass das Anwesen Esterháza zur Zeit
Haydns in Ungarn lag, sich daher den „wienerischen“ Blicken entzog[1].
Aus all diesen Gründen ergibt sich leider ein lückenhaftes Haydnbild, zumindest
vor 1800.
Wir
werden noch verschiedenste Versuche einer Periodisierung des Lebens bzw. einer
Gliederung im Schaffen Joseph Haydns kennen lernen. Natürlich beschränken sich
diese auf sein sinfonisches Werk. Vielleicht ist es aber doch interessant, die
nachfolgenden Feindarstellungen der sinfonischen Schaffensperioden in ein
großes Ganzes einzufügen. Ich möchte im Weiteren nicht auf Haydns künstlerisches
Leben zu sprechen kommen, geschweige denn alle anderen Gattungen ansprechen,
sondern einen kurzen Überblick bieten.
Die
früheste der chronologischen Kategorisierungen unternahm Carl Ferdinand Pohl.
Auch wenn bei ihm mehr die Qualität den Ausschlag für eine Einteilung gab, so
sollte diese auf gar keinen Fall vernachlässigt werden. Nach Pohl lassen sich
die Symphonien in „zwei Abtheilungen“ und „fünf Gruppen“ aufgliedern,
„in
solche die 1. an sich klein, aber hübsch sind; 2. in denen einzelne Sätze der Beachtung
werth sind; 3. die in ihrer Totalität interessant oder bedeutender sind; 4. in
die besonders hervorragenden und 5. in die reifsten und vorzüglichsten.“[2]
In weiterer Folge
teilte er seine ihm bekannte Zahl an Haydn Symphonien den jeweiligen Gruppen
zu. So weit wollen wir aber nicht gehen.
Jens
Peter Larsen hat 1950 und 1956 eine Einteilung der künstlerischen Entwicklung
in sieben Perioden vorgenommen. Seine letzte Anordnung stellt sich wie folgt
dar:
·
„bis ca. 1761 Wien
·
1761 bis 1766 Eisenstadt
·
1766 bis 1775 Esterház, Jahre der Expansion
·
ca. 1775 bis 1784 Operntätigkeit
·
1785 bis 1790 auswärtige Aufträge
·
1791 bis 1795 London
·
1795 bis 1809 Wien“[3]
Sonja
Gerlach spricht besonders im Hinblick auf die Orchestergrößen und Besetzungen
von drei Schaffensperioden: Von ca. 1757 bis 1774, von ca. 1775 bis 1790 und
von 1791 bis 1795[4].
In
die erste Periode fallen 64 Symphonien. Haydn hatte zu diesem Zeitpunkt ein
Orchester mit ca. 14 bis 16 Musikern zur Verfügung. Die nicht genau bekannte
Zeit vor Esterháza, also beim Grafen Morzin, wurde von Gerlach
verständlicherweise in diese Periode miteinbezogen. Es ist davon auszugehen,
dass Morzin Haydn etwa dieselbe Besetzung zur Verfügung stellte. Größer als
beim wohlhabenden Grafen Paul Anton Esterházy konnte sie keinesfalls sein.
Die
zweite Periode umfasst 30 Symphonien. Haydn hatte dafür in der
Esterháza-Kapelle durchschnittlich 23 Musiker zur Verfügung. In diesen Zeitraum
fallen auch die „Pariser Symphonien“.
Die
dritte und letzte Periode beinhaltet die „12 Londoner Symphonien“. Salomon ermöglichte
Haydn ein Orchester von 40 bis 60 Musikern. Auf den Einsatz besonderer
Instrumente bzw. das Erweitern der von Periode zu Periode variierenden
obligaten Stimmen werde ich noch in den einzelnen Symphoniedarstellungen zu
sprechen kommen.
Eine
weitere, wirklich interessante Einteilung nahm James Webster 1990 anlässlich
der Gesamteinspielung der Symphonien Joseph Haydns durch die „Academy of
ancient music“ unter der Leitung von Christopher Hogwood vor[5].
15 Teile sollte diese Einspielung umfassen (10 sind bisher erschienen).
Aufgeteilt wurden sie auf 15 Perioden. Innerhalb der Perioden wurde an dieser
Stelle keine chronologische Ordnung berücksichtigt, da ich Gerlachs Zählweise
beibehalten möchte und sich diese in einigen Werken von Websters unterscheidet.
1.
„Symphonien für Grafen Morzin ca. 1757 bis 1760.
Symphonien mit den Nummern 1, 2, 4, 5, 10, 11, 18, 27, 32, 37 und 107 oder „A“[6]
2.
Von Wien nach Esterház ca. 1760 bis 1763: Symphonien
mit den Nummern 3, 14, 15, 17, 19, 20, 25, 33, 36 und 108 oder auch „B“
3.
Frühe Esterház-Symphonien ca. 1761 bis 1763: Symphonien
mit den Nummern 6, 7, 8, 9, 12, 13, 16, 40 und 72
4.
1764 bis 1765: Symphonien mit den Nummern 21, 22, 23,
24, 28, 29, 30, 31 und 34
5.
Festliche Symphonien ca. 1765 bis 1768: Symphonien mit
den Nummern 35, 38, 39, 41, 58, 59 und 65
6.
Früher „Sturm und Drang“ ca. 1768 bis 1771: Symphonien
mit den Nummern 26, 42, 43, 44, 48 und 49
7.
Höhepunkt „Sturm und Drang“ ca. 1772: Symphonien mit
den Nummern 45, 46, 47, 51, 52 und 64
8.
1773 bis 177: Symphonien mit den Nummern 50, 54 (1.
Version), 55, 56, 57 und 60. Von vielen wird diese Phase als Haydns „schwächste“ Zeit
bezeichnet, als eine Art „stilistische“ Wende mit Werken geringen Gehalts.
9.
Bühnen- und volkstümliche Symphonien ca. 1774 bis 1777:
Symphonien mit den Nummern 53, 54 (2. Version), 61, 66, 67, 68 und 69
10. Festliche ernste
Symphonien ca. 1778 bis 1781: Symphonien mit den Nummern 62, 63, 70, 71, 73, 74
und 75
11. Erste zur
Publikation vorgesehene Symphonien 1782 bis 1784: Symphonien mit den Nummern
76, 77, 78, 79, 80 und 81
12. Die „Pariser“
Symphonien: Symphonien mit den Nummern 82, 83, 84, 85, 86 und 87
13. Apotheose der
KammerSymphonie 1787 bis 1789: Symphonien mit den Nummern 88, 89, 90, 91 und 92
14. Erste London-Reise
1791 bis 1792: Symphonien mit den Nummern 93, 94, 95, 96, 97 und 98
15. Zweite London-Reise
1793 bis 1795:Symphonien mit den Nummern 99, 100, 101, 102, 103, 104“[7]
Webster
hat diese Reihung nicht nur nach chronologischen, sondern auch nach ästhetischen
und vor allem pragmatischen Aspekten erstellt. Die dazu notwendige
Symphonienliste erhielt Webster dabei von Landon. So unterließ Webster die Aufeinanderfolge
von Symphonien des gleichen Jahrgangs und orientierte sich vorzugsweise an
vorgegebenen Gruppierungen nach der Fürnberg-Sammlung (F), dem Entwurfskatalog
(EK) und Mandyczewskis Ordnung[8].
Wie
gesagt möchte ich auch diese Periodisierung erwähnen, sie aber mit der vollständigen,
annähernd richtigen Chronologie der Symphonien von Sonja Gerlach ergänzen[9].
Gerlach gab mir das Gefühl, am ehesten jene Fragmente, die nicht klar datier-
und deklarierbar sind, zu einem verständlichen Ganzen zusammenfügen zu können.
Sie schuf, so scheint es mir, auch die zuverlässigste Ordnung. An Webster
fasziniert mich das historische Gespür, der gelungene Versuch, das gesamte
sinfonische Œuvre klar zu strukturieren. Da eine neue, vollständige
chronologische Ordnung für diese Abhandlung von enormer Bedeutung ist, sah ich
mich gezwungen, nicht nur jene Werke, die im Zuge der Forschungen von Gerlach angeführt
wurden (sie tat dies bis zu den Symphonien des Jahres 1782), oder jene
Symphonien, die im weiteren Verlauf dieser Arbeit unter dem Aspekt des
Unvorhergesehenen genauer besprochen werden, in diese Liste aufzunehmen,
sondern eine Ordnung zu erstellen, die alle 106 Symphonien enthält.
Diese
Liste unterscheidet sich von der Gerlachs durch eine vorangesetzte Nummerierung,
die ausschließlich der Orientierung dienen soll, durch das Anführen der
Symphonien nach der „Hoboken-Identifizierung“, durch die Angabe der Taktanzahl
der einzelnen Sätze, der Taktanzahl der jeweiligen Symphonie insgesamt sowie
durch das Anführen des Echtheitsbeleges. Weggelassen wurden die chronologischen
Gruppen (I bis V), die Gerlach zur besseren Einordnung nur bis zur chronologischen
Grenze 1774 führte, die Datierungsgrenzen, die sich aus diesen chronologischen
Gruppen ergaben, die Angabe des frühesten Datums laut ihrer Tabelle 1 (überlieferte
Daten und bisherige Schätzungen; Symphonien bis 1774, S. 8 bis 12) und weiteren
Einschränkungen. Auch I:60 „Il distratto“ wird in dieser Liste angeführt,
obwohl sie als sechssätzige Schauspielmusik nicht der Gattung der Symphonie
angehört. Sie wurde von Eusebius Mandyczewski im Jahre 1908 trotzdem in seine
Symphonienliste aufgenommen. Ich möchte mich hier der Tradition beugen, jedoch
ausdrücklich auf ihre „Andersartigkeit“ hinweisen. Weiters erlaubte ich mir Begriffe
auszutauschen und sie an die Anforderungen, die diese Arbeit stellte,
anzugleichen. Dies trifft im Besonderen auf Satzbeschreibungen wie auch auf
Abkürzungen zu. Da sie jedoch keine Eigeninterpretation darstellen, möchte ich
auch nicht ob der formalen Schwierigkeiten (Tabelle und Schriftgröße)
ausdrücklich darauf hinweisen.
Nachweisliche
Kompositionsdaten und Symphoniebezeichnungen werden kursiv gedruckt. Gerlachs
und Websters Listen stimmen im Groben überein. Unterschiede ergeben sich
lediglich in der zeitlichen Einordnung gewisser Symphonien. Hätten diese schwer
einordenbaren Symphonien bei Webster keinen „Ordnungscharakter“, ich würde
beide Listen miteinander vermischen. Dem ist wie gesagt nicht so. Ich werde an
den verschiedenen Stellen darauf hinweisen.
1908
erstellte Eusebius Mandyczewski für Breitkopf & Härtel eine weitgehend nach
ante quem geordnete Symphonienliste. 104 Symphonien wurden dort aufgelistet.
1957 wurde diese Liste von Anthony van Hoboken in sein
thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis als Gruppe I übernommen und mit
vier Werken erweitert: Der „Concertante“ von 1792 (später Hob. I:105),
einer damals noch verschollenen Ouvertüre (später Hob. I:106) und zwei frühen
Symphonien (später Hob. I:107 und 108, H. C. Robbins Landon bezeichnete diese
als „A“ und „B“).
Die Geschichte der
Symphonie bei Joseph Haydn im Detail:
Die
vorliegenden Aufnahmen aller 106 vollständig erhaltenen Haydn-Symphonien wurden
gemäß der Tabelle (siehe Seite 12) in fünfzehn Bände aufgeteilt. † (Vor den
Symphonien Nr. 76-78 von ca. 1782 ist die traditionelle Numerierung
"1-104", was die Chronologie angeht, mit schweren Fehlern behaftet.)
Die Bände wurden, soweit möglich, chronologisch geordnet. Allerdings sind viele
der Werke vor ca. 1780 nicht genau zu datieren and mussten relativ willkürlich
zugeordnet werden, auch lässt sich ein gewisses Maß an Überschneidungen
zwischen den Bänden nicht vermeiden. In einer Anmerkung zur Chronologie wird
hierauf in jedem Band detailliert eingegangen.
Im
Allgemeinen komponierte Haydn für ein Ensemble, das man heutzutage als
Kammerorchester bezeichnen würde; bis in die 80er Jahre des 18. Jahrhunderts
war dieses Ensemble in der Tat sehr klein. Während seiner ersten Jahre am Hofe
Esterházy (bis ca. 1768) bestand die normale Besetzung aus 13 bis 16 Musikern:
die Streicher verteilten sich im allgemeinen 3-3-1-1-1 (obwohl zeitweilig bis
zu 8 Violinen eingesetzt worden sein mögen), dazu kamen Oboen and Hörner
paarweise, ein Fagott (das den Basspart von Cello und Kontrabass verstärkte),
und oft eine Flöte; Trompeten und Schlagzeug kamen nur im Ausnahmefall hinzu.
(Das noch frühere Ensemble in Morzin war vermutlich auch nicht größer; nach der
Musik zu urteilen, verfügte es über keine Flöten.) Gegen Ende der 60er Jahre
nahm die Anzahl der Musiker langsam zu, was sich vorwiegend der wachsenden
Vorliebe des Fürsten für die Oper verdankte, die ein größeres und vielseitigeres
Ensemble erforderlich machte. Von ca. 1768 bis ca. 1775 umfasste es in der
Regel 16 bis 18 Instrumentalisten, wobei die Streicher etwa 4-4-2-1-1 besetzt
waren; 1776, als die Hofoper eröffnet und die Saison verlängert wurde, wuchs
das Ensemble weiter an und erreichte in den 80er Jahren ein Maximum von 22 bis
24 Musikern, mit einer Streicherbesetzung von etwa 6-5-2-2-2. Nur in London, wo
Salomons Orchester 1792-94 annähernd 40 Mitglieder (etwa 8-8-4-5-4) hatte und
das "Professional Orchestra" 1795 an die 60 Instrumentalisten
beschäftigte (etwa 10-10-5-6-5, mit verdoppelten Bläsern), waren Haydns
brillanten, "öffentlichen" Symphonien angemessen besetzt.
Entsprechende Einzelheiten sind wiederum den Anmerkungen zur Chronologie eines
jeden Bandes zu entnehmen.
Haydn
setzte, außer in London, für seine Symphonien höchstwahrscheinlich kein
Tasteninstrument ein. Diese Ansicht, die von früheren Meinungen abweicht, aber
heute unter Musikwissenschaftlern weithin anerkannt ist, beruht auf folgenden
Kriterien: (1) Die Urschriften der Symphonien Haydns enthalten keinerlei
Bezifferung oder Angaben für Tasteninstrumente, während diejenigen für andere
Formen der Orchestermusik (Konzerte, Vokalmusik) reichlich damit versehen sind.
(2) Das authentische Aufführungsmaterial enthält keinerlei Parts, Bezifferung
oder sonstige Angaben für Tasteninstrumente. (3) Es gibt keine Hinweise darauf,
dass der Hof von Esterházy (außer Haydn selbst) je einen eigenen Klavier- oder
Continuospieler beschäftigt hätte, und einiges deutet daraufhin, dass Haydn das
Ensemble an der Violine leitete (nach eigener Aussage war er ein ausreichend
guter Violinist, um in Konzerten als Solist aufzutreten). (4) Das Finale der
Abschiedssymphonie (Nr.45), in dem jeder Musiker ein kleines Solo erhält, ehe
er sich verabschiedet, enthält keinerlei Klaviermusik
und endet
mit zwei unbegleiteten Soloviolinen (vermutlich Haydn und sein Konzertmeister
Luigi Tomasini). (5) Stilistische Eigenarten (knappe Orchestrierung, zwei- und
dreistimmige Komposition), von denen man früher meinte, sie bedürften der
Ergänzung durch einen Generalbass, werden heute als charakteristisch und
wünschenswert erachtet. (6) Selbst bei den Londoner Symphonien — als Haydn in
der Tat an der Tastatur "präsidierte" — enthalten die kontinentaleuropäischen
Quellen, einschließlich der unter seiner Aufsicht erstellten, keinen Part für
Tasteninstrument; das stärkt die Hypothese, dass dort für seine Symphonien
keines benötigt wurde. Die vorliegenden Aufnahmen sind die ersten auf
originellen Instrumenten, die Haydns klangliche Intentionen in diesem
entscheidenden Punkt realisieren. Eine ausführliche Begründung dieser
Entscheidung wurde im November 1990 in Early Music (OUP) veröffentlicht.
† Die 106
Werke setzen sich zusammen aus Hoboken I: 1-104, 107 und 108 (Landon bezeichnet
die beiden letztgenannten als "A" und "B"). Daneben sind
einige Einzelsätze als Fragmente erhalten — siehe Band 9 und 10 dieser
Sammlung. (Hobokens Nr. 105 ist eine sinfonia concertante (1792) für Oboe,
Fagott, Violine, Cello und Orchester; Nr. 106 ist die Ouvertüre zu Le
pescatrici.) Weitere authentische Haydn-Symphonien sind nicht bekannt.
Folge 1:
Hob.I:1, 2, 4, 5, 10 , 11, 18, 27, 32, 37 und 107
Die erste
Folge dieser Gesamteinspielung ist elf von Haydns frühsten Symphonien gewidmet,
die er wahrscheinlich größtenteils zwischen etwa 1757 und 1760 als
Musikdirektor am Hofe des Grafen Ferdinand Maximilian Franz Morzin (1693-1763)
komponierte. Zusammen mit seinem Sohn Karl Joseph Franz (1717-83) unterhielt
Graf Morzin eine bescheidene Hauskapelle, sowohl während der Wintersaison in
Wien, als auch auf seinem Sommersitz in Lukavec bei Pilsen in Böhmen.
Haydns
Biograph Griesinger stellt ausdrücklich fest, dass der Komponist die Symphonie
Nr. 1 in D-Dur in Morzins Diensten schrieb; und wenn dem so ist, muss er auch
noch andere Symphonien für den gleichen Zweck geschrieben haben. Dass Haydn
bereits vor seinem Umzug 1761 an den Hof der Esterházy Symphonien schrieb, ist
für die Symphonien Nr. 1 und Nr. 37 aus den späten 50er Jahren des 18. Jahrhunderts
durch überlieferte Quellen bestätigt (siehe unten). Es kommt hinzu, dass diese
beiden Symphonien sowie neun weitere (Nr. 2, 4, 5, 10, 11, 27, 32, 33 und 107)
["A"] durch übereinstimmende frühe, verlässliche Manuskriptkopien in
einer Untergruppe der sogenannten "Fürnberg"-Quellen überliefert
sind; diese Untergruppe scheint ausschließlich Vor-Esterházysche Werke zu
enthalten. (Die Fürnberg Sammlung enthält viele Manuskriptkopien, die mit
Haydns Zustimmung und unter seiner Mitwirkung entstanden — augenscheinlich
belegt durch Textkorrekturen in seiner eigenen Handschrift — einschließlich
einige der angesprochenen Symphoniemanuskripte.) Zusammen mit den zwei früher
belegten Werken Nr. 1 und Nr. 37, ist Symphonie Nr. 18 in einer anderen,
genauso widerspruchslosen Manuskriptfolge aus der gleichen Sammlung
überliefert. Ferner haben diese Kompositionen stilistische Merkmale gemeinsam,
die uncharakteristisch für die mit Sicherheit nach 1761 datierbaren Symphonien
sind.
Diese
Verbindung von übereinstimmenden Quellen und stilistischen Gemeinsamkeiten legt
die gleiche Herkunft dieser Symphonien nahe. So scheint es gutmöglich, dass die
meisten — wenn nicht sogar alle — für Morzin komponiert wurden. Mit Ausnahme
von Symphonie Nr. 33, die in Folge 2 erscheint, enthält Folge 1 alle
angesprochenen Werke.
(Folge 2
umfasst auch die übrigen Symphonien, die Haydn möglicherweise vor seinem Umzug
im Jahr 1761 an den Hof der Esterházy komponierte (Nr. 3, 15, 17, 19, 20, 25
und 108 ["B"]). Ihre Quellen und Stile sind vielfältiger als es bei
den hier zusammengestellten der Fall ist, obwohl es weiterhin möglich bleibt,
dass einige von ihnen dennoch für Morzin geschrieben worden sein könnten.
Nirgendwo
sind die Datierungsprobleme gravierender als im Hinblick auf die
Vor-Esterházyschen Symphonien. Keine von ihnen ist im Autograph überliefert,
über Morzins Kapelle existiert keine Dokumentation und über Haydns
allgemein-musikalisches Wirken, bevor er zu den Esterházy kam, weiß man nur
sehr wenig. Eine zusätzliche Bedeutung erhalten die angesprochenen Probleme in
diesem Fall dadurch, weil sie die Frage nach der Herkunft aufwerfen. Datierung
und Umstände der Entstehung der frühsten Bemühungen des "Vaters der
Symphonie" prägen unvermeidlich unsere Sichtweise, nicht nur der künstlerischen
Entwicklung eines Genies, sondern auch der unseres gesamten musikalischen
Erbes.
Wir wissen
aus Haydns autobiographischer Skizze und anderen Zeugnissen, dass zwischen
seinem
Dienst bei Morzin und der Übersiedlung an den Hof der Esterházy Baron Karl
Joseph Fürnberg eine Zeitlang Haydns Mäzen war. (Er komponierte sein 1.
Streichquartett und andere kammermusikalische Werke für Fürnberg, doch — soweit
wir wissen — nichts für Orchester). Haydn muss Morzin irgendwann zwischen
Dezember 1760 (die Kirchenbucheintragung seiner Hochzeit vom 26. November nennt
Haydn als Morzins Musikdirektor) und dem 1. Mai 1761 verlassen haben (dem Datum
seines formellen Arbeitsvertrags mit dem Fürsten Esterházy). Das viel
bedeutendere Datum unter dem Gesichtspunkt der "Entstehungsfrage" ist
jedoch das seines Eintritts in Morzins Dienst — und das ist nicht belegt.
Griesinger gibt das Jahr "1759" an, was aber aus einer ganzen Reihe
von Gründen nicht überzeugend ist:
1.
Griesinger nennt dieses Datum nur in Verbindung mit seiner Behauptung, die
Symphonie, die wir als Nr. 1 in D-Dur kennen, sei Haydns erste gewesen
("wie er [Haydn] sich lebhaft erinnert" schreibt Griesinger an einer
anderen Stelle). Tatsächlich jedoch wurde eine nicht-authentische Quelle dieses
Werks schon im Jahr 1759 von einer anderen Musikeinrichtung erworben. Da eine
Komposition normalerweise nicht vor einem Jahr nach Vollendung in
Sekundärquellen auftaucht, legt dies den Schluss nahe, dass die Symphonie
mindestens schon 1758 entstanden ist.
Eine
ähnliche Quelle für Symphonie Nr. 37 datiert von "1758". Folgt man
der gleichen Argumentation, so stammt sie wahrscheinlich von nicht später als
1757 — und wenn Nr. 1 wirklich Haydns erste Symphonie war, so müsste sie 1757
oder davor entstanden sein.
Als Haydn —
in hohem Alter — eine Liste seiner Symphonien durchsah, die ihm sein Verleger
Breitkopf & Härtel geschickt hatte, ordnete er sie chronologisch nach
Jahrzehnten und überschrieb die frühste Gruppe mit dem Zeitraum
"1757-1767". Diese Angabe eines bestimmten Jahres, nicht einer runden
Zahl wie zum Beispiel "1760", legt nahe, dass Haydn in der Tat
glaubte, seine frühsten Symphonien stammten aus dem Jahre 1757.
Schließlich
impliziert auch die große Menge von Symphonien, die er offensichtlich vor
seinem Dienst bei Esterházy komponierte (12 bis 19 Werke), einen längeren
Zeitraum als nur die zwei Jahre von 1759 bis 1761 (zum Vergleich: zwischen 1761
und 1774 lag Haydns durchschnittliche Arbeitsleistung bei knapp 3 1/4
Symphonien pro Jahr).
All das
deutet daraufhin, dass Haydn höchstwahrscheinlich 1757 in Morzins Dienst kam
und seine ersten Symphonien komponierte; dass seine erste Symphonie in der Tat
die war, die wir als Nr. 1 in D-Dur kennen und dass Nr. 37 zu den am frühsten
komponierten Symphonien gehört; und dass beide bald von Nr. 2, 4, 5, 10, 11,
18, 27, 32, 33 und 107 ["A"] gefolgt wurden. Da es zur Zeit keine
sichere Grundlage für weiterführende chronologische Unterscheidungen dieser
Kompositionen gibt, kann der Hörer sie gemeinsam als erste erfreulichen Früchte
von Haydns sinfonischem Talent genießen.
Mit einer
Ausnahme sind die Werke in dieser Zusammenstellung für die Standardbesetzung
eines Ensembles aus der Mitte des Jahrhunderts ausgesetzt: Streicher, zwei
Oboen und zwei Hörner. Eine Ausnahme bildet die Symphonie Nr. 32 in C-Dur, für
die in einer glaubwürdigen Quelle Trompeten und Pauken überliefert sind. Sie
sind deshalb in unsere Einspielung mit aufgenommen worden. (Entgegen der
landläufigen Meinung, viele der anderen frühen C-Dur Symphonien, einschließlich
Nr. 37, seien nicht mit dem Gedanken an Trompeten und Pauken komponiert.)
Über Größe
oder Zusammensetzung von Morzins Kapelle weiß man nichts, außer den
Rückschlüssen, die man aus Haydns Partituren gewinnt, in denen nur
"Standard-Instrumente" enthalten sind: zwei Oboen, zwei Hörner und
vermutlich ein Fagott, das den Bass verdoppelt, sowie Streicher. Denkt man an
die relativ bescheidenen Umstände, so scheint es unwahrscheinlich, dass Morzins
Orchester größer gewesen sein sollte, als das von Fürst Esterházy. So haben wir
die Streicher 4-4-1-1-1 besetzt — in der gleichen Klangstärke, wie sie auch bei
Haydns frühsten Esterházy-Symphonien zum Einsatz kommt.
Folge 2: Hob.I:3, 14, 15, 17, 19,
20, 25, 33, 36 und 108
Die
vorliegenden Symphonien überlappen sich von der Chronologie
her mit denen aus der 1. Folge der Gesamteinspielung (die
ca. 1757-60 ganz
oder teilweise für den Grafen Morzin komponiert wurden) sowie auch
mit denen aus der 3. Folge
(Haydns erste Werke für den Esterhazy-Hof aus der Zeit 1761-63). Doch
es besteht ein entscheidender Unterschied: Während beide genannten
Werksgruppen eine einheitliche Herkunft aufweisen und die
"Morzin"-Symphonien einander stilistisch ähneln, sind die
Symphonien dieses Teils vielfältig und heterogen. Das ist zum
Teil darauf zurückzuführen, dass sich darunter jene Werke
befinden, über die wir so gut wie gar nichts wissen - weder den Anlass, zu dem Haydn sie komponiert hat, noch
den Ort ihrer Uraufführung (einmal abgesehen von der
einhelligen Ansicht, dass keine später als 1763 entstanden
ist). Obwohl der Haydn-Forschung diese Schwierigkeiten
wohlbekannt waren, hat sie in ihrem (verständlichen) Wunsch,
"Resultate" zu erzielen, dazu tendiert, sie außer Acht zu
lassen.
Die
Symphonien Nr. 3, 15 und
33 sind
in Quellen überliefert, die auf eine Entstehung
vor
Esterházy schließen
lassen: In den sogenannten "Fürnberg"-Manuskripten
(einer Sammlung aus dem Besitz des Sohnes jenes Baron
Fürnberg, der Haydns erste Streichquartette in Auftrag gab). Allerdings weist
nur das Autograph der Nr. 33 die gleiche (ausgezeichnete)
Herkunft auf wie jene Handschriften aus der 1. Folge
und kann daher sicher auf ca. 1760 (oder früher) datiert werden.
Die Manuskripte der Nr. 3
und 15
sind wohl späteren Datums und darum weniger
verlässlich. Im Falle der Nr. 3
haben wir jedoch dadurch, dass sie 1762 vom
Kloster Göttweig erworben wurde, einen zusätzlichen Hinweis
auf ein frühes Entstehungsdatum: Die einzigen anderen Haydn-Symphonien, die so
früh nach Göttweig gelangten, waren die zweifelsfrei vor der Esterházy-Zeit komponierten
Werke Nr. 4, 5 und
107(A); im Gegensatz dazu kamen bis 1764 keine Esterházy-Symphonien dorthin. Für die
Nr. 15 gibt
es jedoch keine derartige Bestätigung eines frühen Datums.
Einen
weiteren möglichen Hinweis für die Datierung liefern die
Unterschiede der Besetzung und Instrumentierung zwischen den
ganz frühen Symphonien und denen der Esterházy-Zeit. Erstere sind auf das
"Standard-Ensemble" aus zwei Oboen, zwei Hörnern und
Streichern (sowie Trompeten und Pauken in Nr. 32
und 33) beschränkt und haben
wenige herausragende Solopassagen (und
die nur für die Hörner). Dagegen schwelgen
die verbürgten frühen Esterházy-Werke
regelrecht in neuen Instrumentalkombinationen und
zeichnen sich durch zahlreiche konzertierende Solisten in längeren
Passagen aus. Das Vorhandensein ähnlicher Merkmale in
Nr. 14 und
36 deutet
darauf hin, dass es sich dabei ebenfalls um Esterházy-Werke handeln
könnte. Im Andante der Nr. 14 verdoppelt ein obligates Cello
(genau wie in Nr. 16) die
Violinmelodie, und das Trio wird von einer Solo-Oboe
angeführt. Der langsame Satz der Nr. 36 ist
ein konzertierendes Duett für Solovioline und -cello, das ein wenig an das
doppelkonzertartige Adagio von "Le
midi" (1761) erinnert.
Zwei weitere Fälle
sind weniger klar. Nr. 15
lässt die Hörner in den langsamen Passagen des
ersten Satzes erklingen (aber das kommt in der frühen Nr. 5 auch
vor, und vor allen Dingen ist der erste Satz der Nr. 15 so ungewöhnlich, dass er zu einer solchen Vergleichsstudie rechtens nicht
herangezogen werden
darf); außerdem weist sie im Trio ein Solocello auf. Nr. 108 weist ein bescheidenes Fagottsolo
auf; aber genau diese Bescheidenheit und die Tatsache, dass es um ein Fagott geht (das sonst immer den Bass verdoppelte), hebt es von den konzertierenden Soli
eindeutig belegter Esterházy-Symphonien
ab. Und obendrein begnügen sich viele Esterházy-Symphonien bis
1765 (Nr.
12,-21, 23, 28, 29, 40) mit
dem erwähnten Standard-Ensemble ohne Verstärkung oder konzertierenden
Solisten. Das Fehlen dieser Besonderheiten ist somit kein
Indikator für die Datierung als "frühere"
Symphonie.
In Bezug auf Nr. 17, 19, 20 und
25 fehlt
es selbst an solch dürftigen Hinweisen; diese Werke wie auch die Nr. 15 und
108(B) können nur als Werke mit ungesichertem Datum geführt
werden. Nr. 17 und
insbesondere Nr. 19 erinnern mit ihrer Satzfolge schnelllangsam-schnell
samt Moll-Andante-Sätzen und sehr schnellen Finalsätzen im 3/8-Takt an
die dreisätzigen Symphonien der 1. Folge. Doch sind die Quellen wenig
hilfreich, und der erste Satz der Nr. 17 hat
einen größeren Umfang als der eines jeden Werks aus der 1. Folge.
(Er weist eine "falsche" Rückmodulation auf, eine
Besonderheit der Form, die ansonsten nur in der Nr. 36 zu finden ist, einem
Werk, das höchstwahrscheinlich aus der Esterházy-Zeit stammt,
wie wir gesehen haben; aber es wäre gefährlich, eine spekulative
Datierung durch ein einzelnes Stilmerkmal dieser Art zu begründen,
vor allem auch deshalb, weil die übrigen Sätze der Nr.
17 derlei
Anzeichen für ein relativ spätes Entstehungsdatum nicht
enthalten.) Die Nr. 20 hat insofern Ähnlichkeit mit anderen frühen
C-Dur-Symphonien (Nr. 32,
33, 37), als sie aus vier anstatt aus drei Sätzen
besteht, mit einem äußerst schnellen Eröffnungssatz im
sonst ungewöhnlichen 2/4-Takt. (Anders als bei Nr. 33 verwendete
Haydn für die Nr. 20 vermutlich
keine Trompeten und Pauken; die Quellen, in denen sie
vorkommen, sind alle späteren Datums und Nebenquellen.)
Keine
der drei Symphonien Nr. 15,
25 und 108
gehört im eigentlichen Sinn einem "Typus" an.
Die ersten Sätze der Nr. 15
und 25
sind wirkliche Unika, auf die sich die
üblichen Vergleichsmethoden einfach nicht anwenden lassen;
aber immerhin entsprechen in beiden Werken
die späteren Sätze dem "frühen" Typus. Nr. 108(B) hat wohl das kürzeste und strukturell
einfachste einleitende Allegro
aller Haydn-Symphonien — aber
sie verfügt auch über das bewusste Fagottsolo. Auf jeden Fall hat die
traditionelle Vorstellung, dass seine nach außen hin
"simpelsten" oder kürzesten Werke seinen
"komplizierteren" und längeren unbedingt
vorausgegangen oder ihnen gegenüber von minderem Wert sein müssten, ihre
Glaubwürdigkeit eingebüßt. (Aus dem gleichen Grund kann das
gewaltige Kontrapunktfinale der Nr. 3 nicht
allein durch diese Tatsache als relativ spät datiert werden.) Nr.
15 und
108 zeichnen
sich durch den "umgekehrten" zyklischen Aufbau
schnell-Menuett-langsam-schnell aus, der in diesem Zeitraum
sonst nur bei den "Morzin"-Werken Nr. 32 und
33 vorkommt,
aber das ist kaum eine sichere Basis für die Schlussfolgerung,
dass alle derartigen Werke entsprechend früh entstanden sein
müssen.
In
Anbetracht des Vorausgehenden erscheint es vernünftig, die Werke dieser Folge - vorläufig - folgendermaßen zu gruppieren:
Wahrscheinlich
vor Esteráis entstanden
(Quellen) 3,33
Kompositionsdatum
ungesichert Stilistisch "früh" (17), 19, (20)
Stilistisch
"unbestimmt" 15,25, 108
Wahrscheinlich
frühe Esterházy-Werke
(Stil) 14, 36
Da
die unsichere Chronologie, die mit diesen Werken verbunden ist,
zweifellos nie ganz ausgeräumt werden wird, sollte der Hörer sich die Freiheit nehmen, diese vielfältigen und interessanten Werke ohne ungebührliche Sorge um ihre Entstehungszeit und ihren Typus - also nur aufgrund ihrer Vorzüge - zu
genießen. Schließlich sind diese Vorzüge mehr
als beachtlich.
Über
den Umfang oder die Besetzung der Ensembles, für die Haydn die vorliegenden Werke
komponiert haben könnte, ist nichts bekannt. Doch es erscheint äußerst unwahrscheinlich, dass sie größer als das Orchester am wohlhabenden Esterházy-Hofe waren.
Daher haben wir die für Haydns frühe Esterházy-Phase verwendete Streicherbesetzung
4-4-1-1-1
beibehalten
Folge 3: Hob.I:6, 7, 8,
9, 12, 13, 16, 40 und 72
Die Symphonien dieser
3. Folge, Nr. 6-9, 12, 13, 16, 40 und 72, sind von besonderem Interesse: Sie
dokumentieren Haydns erste Jahre (1761-63) als Vizekapellmeister und später als
Kapellmeister im Schloß Esterházy. Die von der fortlaufenden Numerierung
abweichende Bezifferung von Nr. 40 und 72 ist auf die Tatsache zurückzuführen,
dass zu Anfang unseres Jahrhunderts, als Eusebius Mandyczewski den bekannten Kanon
der 104 Symphonien aufstellte, weniger Quellen bekannt waren als heute und er
sie chronologisch später datierte. Haydn selbst hat das Autograph der Nr. 7
("Le midi") datiert, und obwohl die Autographen der Nr. 6 und 8
("Le matin" und "Le soir") nicht erhalten sind, bilden die
letztgenannten Werke doch zusammen mit "Le midi" eine eindeutige
Trilogie. Das inzwischen verlorengegangene Autograph der Nr. 9 trug, wie uns
verläßliche Musikforscher des 19. Jahrhunderts versichern, das Datum 1762. Außerdem
hat Haydn die Autographen der Nr. 12, 13 und 40 mit der Datumsangabe 1763
versehen: Nr. 13 muss zwischen August und September 1763 entstanden sein. Da
das Autograph der Nr. 40 auf drei verschiedenen Papiersorten niedergeschrieben
ist, von denen
nur der für das Finale
benutzte Typ dem entspricht, der für die Nr. 12 und 13 (sowie für spätere
Werke) Verwendung fand, legt Musikwissenschaftlerin Sonja Gerlach nahe, dass es
sich um die älteste der drei Symphonien des Jahres 1763 handelt. Andererseits
deuten gewisse Anzeichen darauf hin, dass sie sowohl musikalisch als auch im
Hinblick auf ihre Ursprünge eine Zusammenstellung getrennt entstandener Sätze
ist.
Obwohl die Nr. 16 vor
1766 und die Nr. 72 vor Mitte der 1770er Jahre nirgends erwähnt werden, nimmt
man an, dass beide aus der Zeit um 1763 stammen. (Die von H.C. Robbins Landon
behauptete Verbindung der Nr. 16 mit den älteren, für Graf Morzin geschriebenen
Symphonien entbehrt der dokumentarischen Grundlage und wird durch seine eigene
stilistische Beschreibung widerlegt.) Die Nr. 72 weist große Ähnlichkeiten mit
Nr. 31 (1765) auf, und die Tatsache, dass die Oboen und Hörner im Andante nicht
verwendet werden, impliziert ein Enste-hungsdatum vor 1768 (siehe Band 5).
Andererseits legt die Besetzung der Nr. 72 mit vier Hörnern nahe, dass sie
entweder im August-Dezember 1763 oder 1765/66 entstanden sein muss, den
einzigen Zeiträumen, in denen Haydn vier Hörner zur Verfügung standen. Da sie
kürzer und weniger aufwendig ist als Nr. 31, ging die Musikwissenschaft bisher
davon aus, dass sie die ältere ist; in diesem Fall muss sie zwischen August und
Dezember 1763 geschaffen worden sein. Das gleiche gilt für die Nr. 13, in der
ebenfalls vier Hörner eingesetzt sind.
Bei der Nr. 16
schließlich deutet das Solocello im Andante auf die frühen 60er Jahre des 18.
Jahrhunderts hin. Haydn scheint sich neben der altbekannten
"Standardbesetzung" aus zwei Oboen, zwei Hörnern und
Ensemblestreichern bis zu seinem Eintreffen am Hofe Esterházy keiner
konzertierenden Solisten bedient zu haben. Von den 16 Symphonien bis 1765, die
sich entweder durch ungewöhnliche Instrumentierung oder den Einsatz von
konzertierenden Solisten auszeichnen, sind elf (die Nr. 6-9, 13, 22, 24, 30,
31, 39, 72) eindeutige Esterházy-Werke, und keine der übrigen ist zweifelsfrei
auf die Zeit vor Eszterháza festzulegen. Hinzu kommt, dass die Nr. 16 drei
Sätze in der Abfolge schnell-langsam-schnell hat, sowie ein Finale, das eher
der Sonatenform als der "Da-capo"-Form entspricht; das einzige andere
Werk mit diesem Gesamtaufbau ist die Nr. 12 aus dem Jahr 1763.
Die Entstehungsdaten
der übrigen fünf Symphonien mit konzertanten oder "zusätzlichen"
Instrumenten (Nr. 14-16, 36, 108) sind nicht exakt zu datieren; mit Ausnahme
der Nr. 16, die aus technischen Gründen in diese Folge aufgenommen wurde, sind
sie mit anderen "nicht eindeutigen" Werken in Folge 2 zusammengefaßt,
der fast den gleichen Zeitraum abdeckt wie der vorliegende Band. Die
angesprochene chronologische Ungewißheit in bezug auf das sinfonische Oeuvre
Haydns bis 1763 wird sicher nie restlos auszuräumen sein.
Wie ich in meinen
allgemeinen Anmerkungen zu dieser Serie dargelegt habe, war das
Esterházy-Ensemble, für das Haydn die genannten Symphonien komponiert hat, nach
modernen Begriffen ein ausgesprochen kleines Kammerorchester, dessen Umfang
sich gewöhnlich auf 14 Musiker beschränkt zu haben scheint: sechs Violinen
(eine von Haydn selbst gespielt), eine Bratsche, ein Cello, ein Violone
(KontraBass), ein Fagott, zwei Oboen (im Wechsel mit Flöten) und zwei Hörner.
Diese Gruppierung muss in der Lage gewesen sein, selbst Werke wie die
kunstvolle Concertante-Trilogie "Matin/Midi/ Soir" aufzuführen.
Immerhin benutzte Haydn wahrscheinlich für jeden der beiden Ripieno-Violinparts
zwei Musiker (außer bei den Finalsätzen von Nr. 7 und 8, deren zweite
Ripieno-Violine möglicherweise einfach besetzt war). Überhaupt sind die
Ripieno-Parts weitgehend deckungsgleich, woraus sich ein von den Solisten
abgehobener "orchestraler" Violinpart ergibt. Für die verbreitete
Vorstellung, dass an der Aufführung dieser Werke mehr Interpreten beteiligt
gewesen sein müssten, liegen keine Beweise vor.
Aus dem gleichen Grund
reicht Haydns normale Bassgruppe aus einem Cello, einem Violone und einem
Fagott für seine Musik aus. Er hat diese Instrumentierung sowohl im Autographen
von "Le midi" als auch in einem wohlbekannten Brief von 1768 genau
angegeben, und sie wird durch zahlreiche andere autographe Hinweise sowie durch
die Personallisten des Hofes Esterházy bestätigt. Selbst wenn in schnellen Sätzen
das Cello eine eigene Linie spielt, verdoppelt das Fagott gewöhnlich den
Violone im Bass; dadurch wird einerseits die Kombination von Acht-und
Sechzehn-Fuß-Register aufrechterhalten, und andererseits das gemischte Timbre
aus Streichern und Bläsern, das für Haydns orchestrale Bassparts typisch ist.
Ist außer dem Cello auch das Fagott obligat, kann es natürlich nicht den
Violone verdoppeln (beispielsweise im Trio der Nr. 6, bei gewissen Passagen aus
dem Eröffnungssatz der Nr. 7 und im Andante der Nr. 8). Und das Fagott schweigt
in langsamen Sätzen ohne Oboen und Hörner ganz; darum muss der Basspart, wenn
diese Sätze über einen obligaten Cellopart verfugen (wie Nr. 6, 7, 13), vom
Violone allein gespielt worden sein. Mit einem kleinen Ensemble aus virtuosen
Interpreten alter Musik funktioniert das hervorragend, was nicht zuletzt Haydns
leichtem und wendigem fünfsaitigen KontraBass zu verdanken ist, dem relativ
einfachen Charakter der erwähnten Bassparts und seiner häufigen Verdoppelung
auf der Oktave durch die Bratsche. Umgekehrt übernimmt das Solocello, wenn der
Violone in den Trios der Nr. 6, 7 und 8 zum führenden Solisten -quasi im
Baritonregister - wird, die darunterliegende Bassfunktion.
Über das Fehlen eines
Continuo-Tasteninstruments muss hier noch ein Wort verloren werden, denn die
Urschrift von "Le midi" gibt als einzige einen eindeutigen Hinweis
auf die Verwendung eines Tasteninstruments im Continuo. Zweimal hat Haydn hier
die Bezeichnung "Basso continuo" an Stellen eingefügt, an denen außerdem
die vollständige Bassinstrumentierung angegeben ist: Zu Beginn des Werks und am
Anfang des als Doppelkonzert gestalteten Hauptteils des langsamen Satzes.
Daraus darf man jedoch nicht — wie es die Befürworter der Verwendung eines
Tasteninstruments in diesen Symphonien getan haben -den Schluss ziehen, dass
Haydns Verwendung des Begriffs "Basso continuo" die Bedeutung hatte,
die wir ihm heute beimessen. In Zusammenhängen, in denen eindeutig ein
Tasteninstrument vorgesehen ist (Konzerte, Vokalmusik mit Orchesterbegleitung
usw.), gebraucht er nämlich diesen Begriff überhaupt nicht, sondern gibt
spezifische Instrumente wie "Cembalo" oder "Organo" an. In
"Le midi" dagegen scheint er auf die beispiellose Komplexität der
Stimmführung im Bass reagiert zu haben; wie oben beschrieben, erfüllen alle
drei Instrumente (Cello, Violone, Fagott) bedeutende solistische Aufgaben, und
ihre Funktion (als Melodieinstrumente, die einen eigenständigen tieftönenden
inneren Part spielen, oder aber als Bassinstrumente) wechselt ständig. Daher
hatte Haydns Bezeichnung "Basso continuo" wohl die wörtliche
Bedeutung "fortlaufender Bass", bezogen auf den "wahren"
FundamentalBass im Unterschied zum konzertanten Geschehen darüber; und diese
Bassfunktion wurde durch ständig wechselnde Anordnungen der drei Instrumente
erzeugt. Unvoreingenommene Hörer werden die Abwesenheit eines Tasteninstruments
in diesen drei Symphonien nicht als größeren "Mangel" empfinden als
bei den übrigen Werken dieser Folge.
Eine weitere Frage
bezüglich der Instrumentierung betrifft die Möglichkeit des Einsatzes von
Pauken in Nr. 13. In der ursprünglichen Form von 1763 waren für diese Symphonie
keine vorgesehen. Einige Zeit vor 1778 fand jedoch ein Paukenpart in gewissen
handschriftlichen Kopien und in der Pariser Erstausgabe Verbreitung (keine
dieser Quellen ist authentisch), und aus einer dieser Quellen wurde er sogar in
das Autograph hineinkopiert — nicht jedoch von Haydn. Die Handschrift ist ganz
anders und augenscheinlich viel späteren Datums, und die Notation erfolgt
"transponierend" (C/G anstelle der von ihm verwandten klingenden
Tonhöhe D/A). Diese Tatsachen lassen im Verein mit einer gewissen
Mittelmäßigkeit und sogar gelegentlichen Ungeschicklichkeiten den Schluss zu,
dass Haydn den Paukenpart nicht selbst komponiert hat (obwohl er bis zum Ende
seines Lebens im Besitz des Autographs war und die Ergänzung sozusagen
genehmigt haben könnte). Wir haben deshalb die Symphonie in ihrer
ursprünglichen Form aufgenommen, also ohne Pauken. Ein Paukenpart, der in einer
einzigen Quelle der Nr. 72 überliefert wird, ist nicht stichhaltig.
Folge 4: Hob.I:21, 22,
23, 24, 28, 29, 30, 31 und 34
Von den neun Symphonien
dieses Bandes komponierte Haydn die Nummern 21-24 im Jahre 1764, und Nr. 28-31
entstanden 1765; die Datierung der Nr. 34 ist ungewiss (siehe unten). Die Nr.
39, wahrscheinlich 1765 oder 1766 entstanden, ist in Band 5 enthalten. Bis auf
eine waren ihre Urschriften (Budapest, Széchényi-Nationalbibliothek) früher im
Besitz des Esterházy-Archivs. Das bekräftigt die Annahme, die für die meisten
der 1761 bis ca. 1780 entstandenden Haydn-Symphonien gilt, dass sie für den
Fürsten Esterházy komponiert und in seinem Beisein uraufgeführt wurden — und
zwar im Falle der vorliegenden Werke im Musiksaal des fürstlichen Schlosses zu
Eisenstadt (Burgenland, Österreich). Es gibt keine handfeste Grundlage dafür,
die interne Reihenfolge der beiden Gruppen von je vier Symphonien zu bestimmen,
außer für die Nr. 28 in A-Dur, deren Urschrift zum Teil auf einer anderen
Papierart erfolgte und die Haydn in seinem damals gerade begonnenen
Werkskatalog etwas später aufführt als die anderen. Möglicherweise wurde sie
als letzte der Symphonien von 1765 komponiert.
Die Symphonien Nr. 21
und 22 werden durch umfangreiche, feierlich langsame Sätze eingeleitet;
insofern sind sie den früheren Symphonien Nr. 5 und 11 und der späteren Nr. 49
ähnlich, sowie in geringerem Maße der Nr. 18 und Nr. 34. Die Symphonie Nr. 30,
"Alleluja", zitiert zu Haydns Lebzeiten beliebte liturgische
Melodien; darin ähnelt sie der etwas später entstandenen Nr. 26. Die Symphonie
Nr. 31 "mit dem Hornsignal" ist eine von mehreren Haydn-Symphonien
aus den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts, die mit vier Hörnern besetzt ist (die
anderen sind Nr. 13, 39 und 72). Ihre äußere Form erinnert stark an die der
wahrscheinlich etwas früher entstandenen Nr. 72; aber sie ist stilistisch
reifer und wagt sich weiter vor als die andere Symphonie, wenn es darum geht,
"charakteristische" Kurier- und Posthornsignale einzusetzen und eine
Art zyklischer Form zu offenbaren: Das Ende des Variationsfinales nimmt das
Postillon-Thema wieder auf, das den ersten Satz ausklingen ließ.
Das Entstehungsdatum
der Symphonie Nr. 34 ist ungeklärt; sie ist in zeitgenössischen Werkskatalogen
ab 1766 aufgeführt. Wegen ihres langsamen ersten Satzes in der Molltonart, der
als Merkmal der "Sturm und Drang"-Periode gilt (ca. 1768-72), wurde
lange Zeit angenommen, sie stamme aus dem Jahr 1766. Allerdings kehrt sie in
den übrigen drei Sätzen zur Durtonart zurück, und ihr tänzerisches Finale ist
in Bezug auf Form und Struktur ungewöhnlich schlicht; hinzu kommet, dass Haydn
die Symphonie in seinem persönlichen Katalog zweimal beginnend mit dem zweiten
Satz (Allegro) anstelle des einleitenden Adagios aufgeführt hat. Diese
Besonderheiten haben neuerdings die Wissenschaft bewogen, ein etwas früheres
Entstehungsdatum zwischen 1763 und 1765 anzunehmen und darüber zu spekulieren,
ob sie ursprünglich als Pasticho gedacht war oder ob sie
"überarbeitete" Schauspiel- oder Bühnenmusik enthält.
©James Webster
Folge 5: Hob.I:35, 38,
39, 41, 58, 59 und 65
Haydn komponierte die
sieben vorliegenden Symphonien zwischen 1765/66 und ca. 1768 (oder wenig
später). Bis auf die Nr. 35 lassen sich ihre Entstehungsdaten und darum ihre
chronologische Reihenfolge untereinander nur schätzen:
1765/66: Nr. 39 in g-Moll
ca. 1767: Nr. 38 in
C-Dur, Nr. 58 in F-Dur
1. Dezember 1767: Nr.
35 in B-Dur
ca. 1768: Nr. 41 in
C-Dur, Nr. 59 in A-Dur, Nr. 65 in A-Dur
Die Chronologie der
Haydn-Symphonien für den Zeitraum 1766-71 ist weniger gesichert als die vieler
anderer, was einerseits auf die relativ geringe Zahl erhaltener Urschriften
zurückzuführen ist (aus dieser Gruppe steht uns nur die der Nr. 3 5 zur
Verfügung), und andererseits auf das Fehlen deutlicher Unterschiede der
Instrumentierung (die sich sonst häufig mit dokumentierten Fällen von
Personalwechsel im Esterhazy-Orchester in Einklang bringen lassen). Davon
abgesehen wird die Datierung aller oben aufgeführten Symphonien mit Ausnahme
der Nr. 65 durch starke Indizien gestützt.
Ab 1765 bis weit in die
70er Jahre des 18. Jahrhunderts hinein trug Haydn etwa alle zwei Jahre kleine
Gruppen von Werken nach Gattung geordnet in seinen sogenannten Entwurf-Katalog
("EK") ein. Die Symphonien 35, 38, 41, 58 und 59 erscheinen im EK als
Teil einer zusammenhängenden größeren Serie von Orchesterwerken, die, soweit
sie mit präzisen Daten versehen werden können, alle den Jahren 1767 und 1768
entstammen (Nr. 35: 1. Dezember 1767). In Abwesenheit gegenteiliger Belege
erscheint es denkbar, dass auch die übrigen vier Symphonien aus der Zeit von
ca. 1767/68 datieren (sicherer: 1766-69). Erhärtende Fakten für diese
Datierungen finden sich auch anderswo. Das Menuett "alla zoppa" der
Nr. 58 in F-Dur ist identisch mit dem des Baryton-Trios Hob. XI:52 von 1767/68;
obwohl wir nicht wissen, welches Werk zuerst entstand, können wir davon
ausgehen, dass sie in enger Folge entstanden sind. Darüber hinaus wissen wir
(von Werken ausgehend, deren Entstehungsdatum gesichert ist), dass die
frühesten sekundären Quellen und Katalogeinträge meist ein bis zwei Jahre nach
dem Kompositionsdatum in Erscheinung treten. Zum Beispiel tragen die Nr. 38 in
C-Dur und die Nr. 59 in A-Dur in sekundären Quellen beide das Datum 1769; die
Kopie der Nr. 38 wurde von dem Esterházyschen Hofkopisten Johann Elssler
angefertigt, und zwar offenbar nicht später als 1768. Auch die Nr. 41 in C-Dur
ist in einer Elssler-Kopie erhalten; Wasserzeichen des Papiers und Handschrift
deuten daraufhin, dass sie ca. 1768/69 verfaßt wurde; da man annehmen darf,
dass authentische Quellen früher als andere entstanden sein dürften, ergibt
sich auch hier ein Datum nicht vor 1768.
Was den Stil angeht,
hat Sonja Gerlach argumentiert, dass Nr. 41 und 59 späteren Datums sein müßten
als die übrigen drei, und zwar offenbar wegen der
"Obergangsfunktion", die sie in Haydns wechselnder Instrumentierung
der langsamen Sätze während dieses Zeitraums einnehmen. Alle, die vor ca. 1767
entstanden, sind ausschließlich mit Streichern besetzt (und in einigen Fällen
konzertanten Solobläsern), während alle ab ca. 1769/70 als normale Bestandteile
Oboen und Hörner aufweisen, wobei die Hörner in die jeweils neue Tonart
transponiert werden. Obwohl in den zwei fraglichen Sätzen ebenfalls Hörner
vorkommen, werden sie "probeweise" eingesetzt, und in unterschiedlicher
Weise: In der Nr. 41 werden die C-Alto-Hörner transponiert, aber
"nur" nach C-Basso, nicht nach F (der Grundtonart des Satzes); in der
Nr. 59 ist ihre Verwendung auf andere Weise eigentümlich.
Die Symphonie Nr. 39 in
g-Moll wurde wegen ihrer Molltonart immer als frühes Beispiel für Haydns
sogenannten "Sturm-und-Drang"-Stil herangezogen und darum auf ca.
1768 datiert. Diese Spekulation erscheint inzwischen weniger zwingend,
insbesondere deshalb, weil der Einsatz von vier Hörnern darauf hindeutet, dass
das Werk in der zweiten Hälfte des Jahres 1765 oder Anfang 1766 entstanden sein
muss. Somit ist es ungefähr zeitgleich mit den Symphonien Nr. 28 und 31: Nr. 28
scheint die letzte in der Gruppe Nr. 28-31 (1765) zu sein, während Nr. 31
("Hornsig-nal") die einzige ist, die gleichfalls vier Hörner benutzt.
(Dass 1767-68 vier oder noch mehr Hornisten zur Verfügung gestanden haben
sollen, muss wohl als illusorisch angesehen werden: Die fraglichen Musiker
scheinen hauptsächlich als Violinisten fungiert zu haben.) Zwar hat Haydn
dieses Werk im EK einige Zeit früher als die oben erwähnte Gruppe aufgeführt,
es jedoch mit der unzweifelhaft erheblich früher entstandenen Nr. 20 in C-Dur
gepaart (siehe Teil 2 dieser Serie), als einer von wenigen Nachträgen, der sich
deutlich von einem "Originaleintrag" abhebt, die mehr oder weniger
gleichzeitig mit dem Kompositionsdatum vorgenommen wurde.
Im Gegensatz zu den
übrigen Symphonien dieser Zusammenstellung läßt sich die Symphonie Nr. 65, was
ihr Entstehungsdatum angeht, nicht einmal innerhalb einer ungefähren Periode
von zwei Jahren sicher plazieren. Lange Zeit wurde angenommen, dass sie ca.
1772/73 entstand (also nach dem Höhepunkt des "Sturm und Drang"), zum
Teil deshalb, weil sie in der gleichen Tonart steht wie ihre offensichtliche
"Nachbarin" Nr. 64 und wie sie eine gewisse Exzentrik aufweist. Im EK
dagegen erscheint sie in einer Gruppe von Symphonien, deren Entstehungsdaten
sich über einen weiten Zeitraum erstrecken, von ca. 1768 bis 1772. Neuere
Untersuchungen der Quellen und (wiederum) der Instrumentierung der langsamen
Sätze — die Nr. 65 verwendet im Gegensatz zu fast allen anderen Symphonien der
Periode 1769/70 bis 1774 keine Dämpfer — legen ein Datum von ca. 1769/70 oder
vielleicht gar 1768 nahe. Stilistisch ähnelt die Symphonie nicht nur der Nr.
64, sondern ebenso stark der Nr. 59 von ca. 1768 (siehe unten). Darum wurde sie
an angemessener Stelle in die vorliegende Zusammenstellung aufgenommen.
Die vorliegende
Einspielung lässt sich chronologisch nicht eindeutig von den Teilen 4 und
(insbesondere) 6 abgrenzen. Die Symphonie Nr. 39 in g-Moll überlappt, was die
Instrumentierung betrifft, mit der Nr. 31, und was die Datierung betrifft,
möglicherweise mit anderen Werken des 4. Bandes. Auch können wir nicht klar
unterscheiden zwischen den Symphonien 41, 59 und 65 in diesem und den
Symphonien 26, 48 und 49 im 6. Teil: Alle sechs Werke scheinen um das Jahr 1768
entstanden zu sein (aber nur die Nr. 49 in f-Moll ist mit dieser Jahreszahl
versehen). Aus diesen sowie aus anderen praktischen Gründen haben wir
stattdessen eine stilistische Unterscheidung versucht. Die Nr. 41, 59 und 65
erscheinen hier als "UnterhaltungsSymphonien" mit ihren etwas älteren
Gesinnungsgefährten Nr. 35, 38 und 58; dagegen wurden die MollSymphonien 26 und
49 und die ungewöhnlich ernste und lange Nr. 48 in C-Dur (die ganz anders
ausfällt als die Nr. 41 in der gleichen Tonart) in Teil 6 aufgenommen, zusammen
mit anderen, kurze Zeit später entstandenen Symphonien, die Haydns
"Sturm-und-Drang"-Stil demonstrieren. (Die hier erfolgte Einbeziehung
der durchweg "ernsten" Nr. 39 steht zugegebenermaßen im Widerspruch
zu diesem Prinzip; aber ihr angenommenes früheres Kompositionsdatum läßt keine
andere Wahl.)
Obwohl die Symphonien
38 und 41, die beide in C-Dur stehen, in sekundären Quellen mit Trompeten und
Pauken überliefert werden, kommen diese in den Elssler-Kopien nicht vor.
Außerdem legen die verfügbaren Dokumente nahe, dass (außer gelegentlich in der
Kirche) am Hofe derer von Esterházy bis 1773 (in Opern) bzw. 1774 (in
Symphonien) weder Trompeten noch Pauken zum Einsatz kamen. Es kann darum
praktisch als gesichert gelten, dass Haydns Originalversionen der beiden Werke
ohne sie auskamen (oder dass er ihren Einsatz niemals genehmigt hat); daher
wird in der vorliegenden Einspielung auf sie verzichtet.
©James Webster
Folge 6: Hob.I:26, 42,
43, 44, 48 und 49
Die Symphonien in
dieser Folge repräsentieren Haydns sogenannten "Sturm und
Drang"-Stil, der in den späten 1760er Jahren seinen Anfang nahm und 1772
(s. Folge 7) den Höhepunkt erreichte. Die Bezeichnung "Sturm und
Drang" wurde aus mehreren Gründen kritisiert: Sie bezeichnet eigentlich
eher eine literarische Bewegung Mitte und Ende der 1770er Jahre, als eine
musikalische in den Jahren 1768—1772 (Goethes Götz von Berlichingen und Die
Leiden des jungen Werthers erschienen 1773/74). Außerdem behauptete die erste
bekannte Deutung Haydns in diesem Sinne (seitens Théodor de Wyzewa im Jahre
1909) unglaubwürdig und ohne stichhaltige Beweise, dass diese Werke indirekt eine
"romantische Krise" in Haydns Leben zum Ausdruck brächten. Darüber
hinaus ist die Bezeichnung zeitlich zu beschränkt, um alle Werke Haydns aus
jenen Jahren zu umfassen; und sie impliziert fälschlicherweise auch, dass seine
Musik aus früheren und späteren Perioden nicht expressiv war. Tatsache bleibt
jedoch, dass sich während dieser Jahre in Haydns Musik eine Wandlung vollzog
und dass deren Resultate auf mannigfaltige Weise beispiellos und noch nie
dagewesen sind.
Außerdem wurden
ähnliche musikalische Züge in Werken vieler zeitgenössischer österreichischer
Komponisten gefunden (auch bei dem jungen Mozart, in Werken wie der g-Moll
Symphonie KV 183 und dem d-Moll Streichquartett KV 173). Zugegeben, man weiß
nicht, warum diese neue musikalische Empfindsamkeit in den späten 1760er Jahren
plötzlich in Erscheinung trat und nach 1772/73 schnell wieder verschwand. Wenn
sich jedoch eine Gruppe von Werken so klar chronologisch und geographisch
abgrenzen läßt, ist eine stilistische Etikettierung zulässig, und wenn die Resultate
dann noch so außergewöhnlich sind, scheint selbst "Sturm und Drang"
nicht ganz unangebracht zu sein.
Das am häufigsten
genannte Merkmal ist das neuerwachte Interesse an Moll-Tonarten. Im Falle
Haydns (keine der etwa 40 vor 1766 komponierten Symphonien steht in Moll)
entstanden sechs seiner insgesamt zehn zwischen 1766 und 1772 komponierten
Symphonien in Moll; bis 1782 schrieb er nur noch Symphonien in Dur. Desgleichen
ist seine einzige Gruppe von Streichquartetten, die zwei Werke in Moll enthält,
das Opus 20 aus dem Jahr 1772; in den meisten Opera steht nur jeweils eines in
Moll. Aber dieser Sachverhalt wurde überbewertet, denn die große Zahl seiner
Werke aus dieser Periode steht in Dur, und die meisten neuartigen stilistischen
Merkmale sind unabhängig vom Tongeschlecht.
Diese Merkmale
schließen entfernte Tonarten (bis hin zu fis-Moll und H-Dur), rhythmische und
harmonische Vielschichtigkeit, Ausdehnung in jedlicher Hinsicht (äußerer
Umfang, harmonisches Spektrum, rhythmische Instabilität, Extreme in Dynamik und
instrumentaler Register); größere technische Schwierigkeiten; wachsender
Einsatz von Kontrapunktik (am bekanntesten sind die fugierten Finali in den
Quartetten op. 20, aber auch zum Beispiel in dem Menuett in Kanonform in der
Symphonie Nr. 44): musikalische Gedanken, die eher ausbaufähig als in sich
abgeschlossen sind, Kontraste innerhalb eines Themas statt wie sonst zwischen
Haupt- und Seitenthema.
Die langsamen Sätze und
die Finali werden den Kopfsätzen an Größe und Bedeutung ähnlicher. Oboen und
Hörner werden jetzt in allen langsamen Binnensätzen eingesetzt, allerdings oft
nicht sehr aussagekräftig. In den langsamen Sätzen der Symphonien Nr. 42—44
spielen die Violinen con sordino, und bis auf Nr. 42 wird das Tempo in allen
anderen von andante (und ähnlichen Tempi) zu adagio verlangsamt. Während Nr. 26
mit einem Menuett und Nr. 42 mit einem Scherzando endet, sind die Finalsätze
von Nr. 43, 44, 48 und 49, obgleich schneller und weniger kunstvoll
ausgearbeitet als die entsprechenden Anfangssätze, jenen strukturell und
ausdrucksmäßig durchaus ebenbürtig.
Aber die Qualität
dieser Musik ist nicht nur kompositionstechnischer Natur. Seit dem Jahre 1766,
in dem Haydn eine feste Anstellung als Kapellmeister erhielt, widmete er der
sakralen Vokalmusik und der Oper viel Zeit und Energie. Sowohl der tiefe Ernst
der ersteren als auch die komisch-dramatischen Anteile der letzteren
beeinflußten auch seine Instrumentalmusik. In der Tat wurde erst kürzlich die
These aufgestellt, dass viele seiner Symphonien aus jener Periode ganz oder zum
Teil ursprünglich als Einlage- oder Bühnenmusik komponiert wurden (soweit wir
wissen war dies in den Jahren 1774—81 der Fall), und dass der "Sturm und
Drang"-Stil selbst eine Weiterentwicklung seines "dramatischen"
Stils darstellt. Sicher hat diese Musik auch viele "dramatische"
Charakteristika: plötzliche Einsätze und Schlüsse, extreme Gegensätze innerhalb
des Themanematerials, der Dynamik und der Satztechnik, lange Passagen mit
steigender Spannung — und Haydns allgegenwärtige Tendenz in Richtung Exzentrik,
die gelegentlich regelrecht an Irrationalität grenzt.
Last but not least
haben Haydns Werke aus der "Sturm und Drang"-Periode
außermusikalische Merkmale und einige sind eindeutig programmatisch. Das wird
nicht nur aus Benennungen, Zitaten liturgischer Melodien und programmatischen
Bemerkungen ersichtlich, sondern auch aus Haydns zahlreichen, zuweilen
radikalen Brüchen mit den gängigen Erwartungen und Konventionen in bezug auf
die Gattung. Am besten wird das in der AbschiedsSymphonie und in Nr. 46
deutlich, (s. Folge 7) Aber schon in der vorliegenden Folge bringt die
Symphonie Nr. 26 offenkundig religiöse Assoziationen ins Spiel und
möglicherweise auch Nr. 49. Wenn auch die Beinamen "Merkur" für Nr.
43, "Trauer" für Nr. 44 und "Maria Theresia" für Nr. 48
nicht authentisch sind und nichts mit der zeitgenössischen Rezeption dieser
Symphonien zu tun haben, sind doch Nr. 48 so groß und Nr. 44 so expressiv, dass
man versteht, dass spätere Hörer ihrer Hörerfahrung in dieser Art und Weise
Ausdruck verliehen haben.
Die Symphonien der
vorliegenden Folge entstanden in den Jahren 1768—1771. Nichtsdestotrotz ist ihr
Entstehungsbeginn nicht ganz eindeutig; mindestens drei weitere Symphonien sind
wahrscheinlich auch um 1768 entstanden. Deshalb haben wir versucht, eine
stilistische Unterscheidung zu treffen: Nr. 41, 59 und 65 erscheinen in der
Folge 5 als Symphonien zur "Unterhaltung", während die
expressiv-programmatischen Nummern 26 und 49 und die lange und gewichtige Nr.
48 in diese Folge mit aufgenommen wurden.
Gesicherte Daten für
Anfang und Ende dieser Periode werden durch die eigenhändig datierten
Symphonien Nr. 49 (1768) und Nr. 42 (1771) festgelegt. Nr. 26 wurde früher auf
die Jahre 1765/66 datiert, teilweise weil sie "nur" drei Sätze hat;
jüngere Studien jedoch, die sowohl auf Haydns eigenem thematischen Katalog (EK)
und seinem Stil basieren, datieren sie ungefähr 1768/69. Nr. 48 dagegen wurde
lange Zeit mit Maria Theresias Besuch in Eszterhäza I773 in Zusammenhang
gebracht. Aber die jüngste Entdeckung authentischer Manuskriptteile von 1769
widerlegt dies und läßt ein Datum um 1768/69 als wahrscheinlich erscheinen.
Wenn man seine Werke aus dem Jahr 1773 betrachtet, betrifft die Spekulation nun
die Symphonie Nr. 50 (s. Folge 8).
Am Ende der Periode
wurden die Symphonien Nr. 43 und 44 im Breitkopf-Katalog von 1772 angeboten,
das heißt sie wurden ca. 1770/71 komponiert; dies erscheint auch aus
stilistischen Gründen plausibel. (Von den Symphonien in Folge 7 kommt nur Nr.
64 für eine frühere Entstehungszeit als 1772 in Frage, und selbst das ist eher
unwahrscheinlich).
Daher dokumentieren
diese Werke eine bemerkenswerte Erweiterung von Haydns sinfonischer Konzeption
zwischen 1768 und 1771, obwohl nichts über die Gelegenheiten oder Umstände von
Haydns Kompositionen und Aufführungen bekannt ist.
Alle Symphonien in
dieser Folge sind für eine Standardbesetztung mit zwei Oboen, zwei Hörnern und
Streichern geschrieben. Obwohl manche Quellen für Nr. 48 in C auch Trompeten
und Pauken vorschreiben, werden diese Instrumente in der Quellenüberlieferung
sonst kaum erwähnt. Mehr noch, in Esterházys Orchester wurden Trompeten vor
1773 (dem Datum von Maria Theresias Besuch) nicht regelmäßig verwendet; erst im
Autograph von Symphonie Nr. 50 werden sie explizit vorgeschrieben. In der
vorliegenden Einspielung wurden sie daher nicht besetzt.
©James Webster
Folge 7: Hob.I:45, 46,
47, 51, 52 und 64
Haydn im Jahre 1772
Haydns wichtigste, im
Jahre 1772 entstandene Instrumentalwerke sind unübertroffen, sowohl hinsichtlich
ihrer kompositorischen Virtuosität, ihrer Originalität oder ausdrucksstarken
Intensität. Warum schrieb Haydn gerade in dieser Zeit eine so außergewöhnliche
Musik? Warum verfolgte er 1772 eine so extreme Richtung? Und warum gab er
diesen Stil danach so plötzlich wieder auf? Das Argument der "romantischen
Krise", das Théodore de Wyzewa einst vorbrachte, überzeugt heute nicht
mehr. Auch für die Annahme, dass Haydns Abkehr von der Expressivität nach 1772
auf eine Intervention des Fürsten Esterházy zurückzuführen sei, fehlt jeglicher
Beleg.
Ebensowenig stichhaltig
ist die traditionelle musikwissenschaftliche Darlegung der stilistischen
Entwicklung Haydns. Demnach machte Haydns Komposition Phasen der
"Unreife" und des "Experimentierens" durch, ehe er mit den
Streichquartetten, op. 33 (1781) und den "Pariser Symphonien"
(1785/86) den sog. klassischen Stil ausgebildet hatte. Gemäß dieser
Interpretation waren die expressiven Werte und die kontrapunktische Virtuosität
seiner Musik um 1770 eine Art Sackgasse, und die Mitte und Ende der siebziger
Jahre entstandenen populären Werke waren Etappen auf der Suche nach seinem
eigentlichen Stil, den er schließlich in den achtziger und neunziger Jahren
fand. Aber diese von der Evolutionstheorie getragenen Spekulationen scheinen
nun überholt zu sein, und die damit verbundene Vernachlässigung der frühen und
mittleren Werke Haydns ist unhaltbar. Die bei dieser Musik auftauchenden Fragen
nach dem "warum" bleiben jedoch nach wie vor unbeantwortet.
Natürlich kann man die
in dieser Folge enthaltenen Symphonien als den Höhepunkt von Haydns "Sturm
und Drang"-Phase bezeichnen, die Ende der sechziger Jahre begann und
(unter anderem) seine gründliche Auseinandersetzung mit der geistlichen
Vokalmusik und der Opera buffa nach 1766 spiegelte. Das Vorwort zu Folge 6 geht
näher auf die charakteristischen Merkmale dieses Stils ein. Dazu gehört ein
neues Interesse an Moll- und "entfernten" Tonarten, eine rhythmische
Instabilität und harmonische Komplexität, eine Erweiterung des Gesamt-umfangs,
der Dynamik und der Stimmlage, ein erhöhter technischer Schwierigkeitsgrad,
eine Darbietung kontrapunktischer Künste und bewegte, asymmetrische Themen. In
Umfang und Gewichtigkeit nähern sich die langsamen Sätze (inzwischen eher mit
adagio als mit andante überschrieben) und die Finali mehr und mehr den
Kopfsätzen an.
Von den in diese Folge
aufgenommenen Symphonien können nur die Symphonien Nr. 45-47 aufgrund ihrer
datierten Autographen auf das Jahr 1772 zurückgeführt werden (bei den anderen
Symphonien sind keine Autographen überliefert). Diese sechs Werke entstanden
entweder im Jahre 1772 oder ein Jahr früher oder später in der folgenden
hypothetischen Reihenfolge:
Nr. 52: ca. 1771 (eventuell 1770)
Nr. 47: 1772
(nicht später als September?)
Nr. 45, 46: 1772, Mitte
oder Spätherbst
Nr. 51, 64: ca. 1773
Alle Symphonien dieser
Folge sind für die Standardbesetzung mit zwei Oboen, zwei Hörnern und
Streichern plus einem Fagott col basso geschrieben. Einige spätere Quellen zu
Nr. 52 belegen für das Fagott allerdings eine Obligatstimme. Eine weitere
Besonderheit von Nr. 52 ist der ständige Wechsel zwischen Hörnern in C in Alt-
und Basslage nach dem folgenden Prinzip: im ersten und letzten Satz, die in
c-Moll stehen, aber auch lange Passagen in Es-Dur aufweisen, spielt ein Horn
mit einem Stimmbogen in C (Altlage), das andere in Es; wohingegen in dem
C-Dur-Andante und dem c-Moll-Me-nuett (mit Trio in Dur) beide Hörner in C
(Basslage) spielen.
Obwohl die Symphonie
Nr. 51 in den meisten Quellen mit zwei Trios überliefert ist, enthält die
einzige Quelle aus den Esterházy-Archiven (die allerdings nicht authentisch
ist) nur das zweite Trio. Die zwei Trios unterscheiden sich nicht nur in ihrer
Form, sondern auch, was viel auffälliger ist, in der Tatsache, dass die Hörner
im ersten Trio nicht spielen, während sie im zweiten einen weiteren Beweis
ihrer Virtuosität erbringen. Angesichts der Kürze des Menuetts erscheint es
angebracht, beide Trios zu spielen — wie in dieser Aufnahme.
©James Webster
Folge 8: Hob.I:50, 54,
55, 56, 57 und 60
Eine der
bemerkenswertesten Stilveränderungen im abwechslungsreichen Kompositionsleben
Haydns zeichnete sich erstmals 1773—74 ab. Im Gegensatz zu den extrem
ausdrucksstarken und innovativen Werken für Kenner, die seine sogenannte
"Sturm- und Drangzeit" (die Jahre um 1770) kennzeichneten, bevorzugte
er nun für etwa zehn Jahre einen deutlich leichteren und eher populären Stil.
Der Grund für diese Entwicklung ist unklar. Verwirft man die zweifelhafte
Hypothese, dass der Geschmack des Prinzen Esterházy sich geändert haben könnte,
dann ist der Grund wohl am ehesten in der chronologischen Abfolge der
Bühnenkompositionen Haydns zu sehen. Zwischen Le pescatrici (1768—69) und dem
Jahr 1773 — also während der Blüte seiner "Sturm- und Drangzeit" —
schrieb er nichts von Bedeutung für die Bühne. Dann aber begann er nicht nur
(mit L'infedeltà delusa), wieder Opern zu komponieren, sondern versuchte sich
auch an Begleitmusik für das Sprechtheater; nach Einweihung des neuen
Opernhauses in Esterháza 1776 wurde er praktisch zum Impresario.
Die Symphonien Nr. 50
und 60 ("II distratto") lassen diesen Einfluß der Bühnenmusik
verspüren. Erstere steht mit der Marionettenoper Philemon und Baucis im
Zusammenhang; letztere entstand aus der Begleitmusik für das Theaterstück Le
Distrait {Der Zerstreute), das im Juni 1774 in Esterháza inszeniert wurde.
Dennoch entwickelte sich insgesamt der Einfluß der Vokalmusik auf den
Instrumentalstil Haydns in dieser Zeit nur langsam; besonders deutlich ist er
in den Symphonien aus den Jahren ab ca. 1775 bis ca. 1781 zu erkennen. Die hier
vorliegenden Symphonien stellen eine breite Palette dar, in der beide
Stilrichtungen vertreten sind; insofern kann man sie als
"Übergangswerke" betrachten. Die stilistische Vielfalt bedeutet
natürlich nicht, dass diese Symphonien etwa unbedeutend oder nichtssagend
wären. Bei Nr. 54, 56 und 57 handelt es sich fraglos um Meisterwerke, die einen
vorwiegend ernsten Ton anschlagen. Aber die leichteren Werke Nr. 50 und 55
stehen ihnen nicht nach und sind ebenso reich mit eindrucksvollen und
wohlklingenden Passagen gesegnet. Zudem beeindruckt in allen diesen Werken die
immer gegenwärtige Exzentrizität Haydns, die in "Il distratto" ein
von ihm nie übertroffenenes Extrem erreicht.
Das Originalmanuskript
der Symphonie Nr. 54 ist auf das Jahr 1774 datiert, und zweifellos dürfte eine
Fassung dieses Werkes in besagtem Jahr fertiggestellt und wohl auch aufgeführt
worden sein. Es nimmt allerdings unter den Haydn-Symphonien eine Sonderstellung
ein, da mehrere verschiedene Instrumentationen existieren. Diese Aufnahme des
Gesamtwerks umfaßt sowohl die erste als auch die letzte Version, die sich sehr
deutlich voneinander unterscheiden. Letztere (die Version, die heute im
allgemeinen veröffentlicht bzw. aufgeführt wird) ist in Folge 9 enthalten; sie
beginnt mit einer langsamen Einleitung und ist für ein Orchester
instrumentiert, wie man es in diesem Umfang vor der Londoner Zeit sonst
nirgendwo bei Haydn vorfindet. Im Gegensatz dazu wurde die hier dargebotene
Originalversion unseres Wissens seit ca. 1774 nicht mehr aufgeführt und bisher
noch nie aufgenommen. Die Ende 1774 vorgenommene Instrumentierung war für
Haydns Standardorchester vorgesehen (zwei Oboen, zwei Hörner, ein obligates
Fagott und Streicher), und die Einleitung fehlt — stattdessen beginnt diese
Fassung direkt mit dem Presto. Der Haydn-Kanon kann also um eine seltene
"ernste" Symphonie im Kammerstil aus der Mitte der 70er Jahre
erweitert werden.
Alle Symphonien in
dieser Folge stammen aus den Jahren 1773-74. Nr. 50 ist in einem auf das Jahr
1773 datierten Originalmanuskript erhalten, Nr. 54—57 liegen in Autographen aus
dem Jahre 1774 vor; wie wir gesehen haben, stammt Nr. 60 ebenfalls aus diesem
Jahr. Während sich Nr. 54, 55 und 57 auf das Standardorchester Haydns
beschränken (zwei Oboen, zwei Hörner, ein Fagott und Streicher), erfordern die
übrigen Werke auch Trompeten — die ersten und fast einzigen
Esterházy-Symphonien, bei denen das der Fall ist. Bei Nr. 60 (dem einzigen Werk
in dieser Folge, bei der das Originalmanuskript verloren gegangen ist),
schreiben die meisten Quellen, einschließlich einer authentischen Quelle aus
dem Jahre 1779, entweder Althörner in C oder Trompeten vor. Aber eine späte
Kopie, die von keinem anderen als Haydns Amanuensis Johann Elssler angefertigt
wurde — vermutlich aus dem oft zitierten Anlaß, als Haydn Elsslers Bruder bat,
"den alten Schmarrn" von Eisenstadt nach Wien zu schicken, weil die
Kaiserin ihn noch einmal hören wollte — weist sowohl Hörner als auch Trompeten
auf. Trotz des späteren Datums wurde hier diese letztere Version gewählt.
Die ersten beiden Sätze
von Nr. 50 dienten ursprünglich als Ouvertüre zum Prolog der Marionettenoper
Philemon und Baucis, die während des Besuchs von Maria Theresia in Esterháza
Ende August/Anfang September 1773 uraufgeführt wurde. (Dieser Prolog trägt den
Titel Der Götterrat; die eigentliche Oper hat eine eigene Ouvertüre, in
d-Moll). In dieser Form fehlten die Trompeten. Später fügte Haydn auf gleichem
Papier das Menuett und Finale des heute als Symphonie Nr. 50 bekannten Werkes
hinzu. Obwohl der Komponist im Originalmanuskript keine vergleichbaren Hinweise
auf eine instrumentale Bereicherung des 1. Satzes gab, schreiben die meisten
der wenigen Manuskriptkopien auch dort Trompeten vor. Wir haben die Symphonie
daher mit dieser einheitlichen Instrumentierung aufgenommen.
Diese
Weiterverarbeitung der Ouvertüre im Rahmen der Symphonie Nr. 50 ist auf 1774—75
zu datieren. Obwohl keine der früheren Esterházy-Symphonien Haydns Trompeten
erfordern, standen ihm 1774 nachweislich Trompetenspieler zur Verfügung. Das
für das Originalmanuskript gewählte Papier ist nach 1773 nicht dokumentiert;
bestimmte Aspekte der Notation lassen auf ein Datum nicht später als 1775
schließen. Mehrere andere Werke aus diesen Jahren — aber nicht aus späterer
Zeit — weisen Trompeten auf, einschließlich der überarbeiteten Symphonie Nr.
54, der Symphonie Nr. 56 und der Oper L'incontro improvviso aus dem Jahre 1775.
Darüber hinaus weist das Werk weder ein obligates Fagott noch Flöte auf,
Instrumente, die in keiner nach 1774 entstandenen Haydn-Symphonie fehlen.
Ansonsten gibt es
lediglich indirekte Hinweise auf die interne Reihenfolge dieser Symphonien. Ein
mögliches Indiz ergibt sich aus der Tatsache, dass Haydn ausgerechnet 1774
begann, regelmäßig Parts für obligates Fagott zu komponieren. Während in den
Symphonien Nr. 50, 57 und 60 das obligate Fagott nicht auftritt, ist es in Nr.
55 und Nr. 56 vertreten, wenn auch jeweils nur in einem Satz; im
Originalmanuskript von Nr. 54 wurde erstmals ein Part für obligates Fagott
durchgehend notiert (abgesehen vom langsamen Satz). Als möglicher stilistischer
Hinweis darf schließlich in Nr. 55 das Vorhandensein von zwei Variationssätzen
gelten; solche Sätze fehlen in früheren Jahren fast vollständig, vor allem als
Finale, treten in den Jahren danach aber häufig auf. Hinzu kommt, dass für das
Originalmanuskript von Nr. 55 ein Papier gewählt wurde, das wir in dieser
Gruppe sonst nicht vorfinden; ein möglicher Hinweis darauf, dass es später
entstanden sein könnte.
Insgesamt gesehen läßt
das auf die folgende spekulative Reihenfolge schließen:
Nr. 50 die
ersten beiden Sätze 1773; kein Fagott
Nr. 57, 60 kein Fagott
(Nr. 60: Juni)
Nr. 56 Fagott nur in einem Satz
Nr. 54, 55 54: Fagott
jetzt "üblich"
55: zwei
Variationssätze; anderes Papier
©James Webster
Folge 9: Hob.I:53, 54,
61, 66, 67, 68 und 69
Ein weitgehend
ungeklärter Aspekt von Haydns 30jährigem Wirken am Hof Esterházy besteht in den
Wandlungen seines Stils. Nach der Erprobung von Extremen des Ausdrucks und
innovativer Formgestaltung in der Zeit seiner Periode des sogenannten
"Sturm und Drang" (ca. 1767—72; s. Folgen 6 und 7), lässt der größte
Teil seiner Symphonien von der Mitte der siebziger bis zu Anfang der achtziger
Jahre einen deutlich leichteren Stil erkennen (Folgen 8—11). Einerseits wurde
vermutet, dass Fürst Nikolaus Esterházy der Auffassung war, dass Haydn zu weit
in Richtung einer stilistischen Radikalität à la Beethoven gegangen war und ihn
zur Abkehr davon aufforderte; andererseits wurde angenommen, dass Haydn durch
die Kultivierung eines "leichten", weithin gefälligen Stils auf eine
Maximierung der Verbreitung seiner Symphonien bedacht war; jedoch gibt es keine
Anhaltspunkte für diese Annahmen.
Ein möglicher Ursprung
dieses ca. 1773 beginnenden Wandels besteht in dem zeitlichen Muster von Haydns
Bühnenschaffen. Haydn wurde vor allem mit der im Jahre 1776 erfolgten
Einweihung des neuen Opernhauses in Esterháza (der größte Teil der Symphonien
in dieser Folge entstand unmittelbar vorher) mehr oder weniger zu einem
vollbeschäftigten Impresario. Diese neue Ausrichtung auf die Oper spiegelte
sich nicht nur in seinem Instrumentalstil an sich wider, sondern auch in der
Tatsache, dass er in der Folge durchschnittlich weniger Symphonien komponierte
als zuvor und einige von ihnen wiederaufbereitete Bühnenmusik enthalten. Die
Symphonie Nr. 53, "L'Impériale", die gegen Ende der siebziger Jahre
entstand, zeigt deutlich diesen Einfluß, und Nr. 67 (ca. 1775) könnte dies
ebenfalls.
Jedoch handelt es sich
nicht nur um die Frage nach der stilistischen und generellen Ausrichtung,
sondern auch um die Frage nach der künstlerischen Qualität oder vielleicht eher
um die nach der künstlerischen Integrität. Haydns "Umkehr" in der
Mitte der siebziger Jahre wurde traditionell als eine Art Nachlassen beurteilt:
bestenfalls als eine Art Übergang von dem vermeintlichen Höhepunkt des
"Sturm und Drang" zu dem der "Pariser" Symphonien von
1785-86 (Folge 12), schlimmstenfalls als ein unvermittelter Ausverkauf. Ich
kann diese negative Beurteilung nicht teilen: Diese Symphonien scheinen mir,
wenn auch sehr unterschiedlich in ihrer Wesensart, so hervorragend gearbeitet,
so interessant, in Wirklichkeit so originell zu sein wie die vorangegangenen.
Sogar die Kritiker Haydns finden Anerkennung für seine sich kontinuierlich
entwickelnde technische Meisterschaft, seine nicht nachlassende
Experimentierfreude hinsichtlich von Form und Instrumentierung und für die
zunehmende Individualität der verschiedenen Satztypen.
Diese Werke sind,
allgemeiner gesagt, besser als Vertreter einer bestimmten künstlerischen
Haltung zu verstehen, nämlich als die der Unterhaltung. Sie stehen für
"leichtes" Hören (wie Haydn selbst einmal gesagt hat), das in erster
Instanz noch zum Vergnügen eines aristokratischen Hofes gedacht war. Jedoch
waren sie meisterhaft gearbeitet und reich an eindrucksvollen und
bewundernswerten Passagen, und nicht zu vergessen die geistreichen und
exzentrischen. Die langsamen Sätze und Finales lassen neuartige formale und
stilistische Möglichkeiten erkennen; siehe die exquisite Andante-Melodie der
Symphonie Nr. 53 und das komische/ernste Spiel im Adagio von Nr. 68 oder der
langsame Mittelteil des Finales von Nr. 67. Langsame Einleitungen beginnen
üblicher zu werden und schaffen zum ersten Mal eine greifbare Motivik und
psychologische Verknüpfungen mit Allegrosätzen (Nr. 53).
Diese Symphonien und
die aus Folge 10 bevorzugen Mischungen verschiedener Stile: Unbeschwerte,
rückhaltlos "populäre" Themen sind ebenso vorherrschend wie ernste,
und eine regelmäßige Phrasenbildung ist ebenso wichtig wie ausgedehnte
Erweiterungen. Das Komische und Ernste sind nicht "synthetisiert",
wie die Ideologie des "klassischen Stils" es gerne haben möchte,
sondern auf eine Art und Weise nebeneinandergestellt, dass sie den Eindruck einer
bejahten, sogar gesuchten stilistischen Inkongruenz vermitteln. Sie bieten
Haydns großartigste Errungenschaft einer reinen Kunst der Komik, die der Welt
der Opera buffa angenähert ist — eine Verbindung von Kunst und Unterhaltung,
die ein zentraler Aspekt seines Stils für den Rest seines Wirkens blieb. Es
werden hier diejenigen Hörer reich belohnt, die keine Sklaven des
romantisch-modernistischen Vorurteils sind, das äußerlich bescheidene,
konventionelle oder "populäre" Gestaltungsmittel gegenüber anspruchsvollen,
innovativen oder hochgeistigen minderwertiger erachtet.
Die zentralen Werke
dieser Folge umfassen die Symphonien Nr. 61 und 66—69, die zwischen 1775 und
1776 entstanden sind und damit nahtlos an die aus Folge 8 anknüpfen, die
hauptsächlich aus dem Jahre 1774 stammen (diese Verbindung erfährt ihre
Verdeutlichung durch die Symphonie Nr. 54; siehe unten). Im Autograph ist nur
die Symphonie Nr. 61 erhalten; sie ist datiert von 1776 und kann nicht früher
als im April desselben Jahres komponiert worden sein, da Haydn eine Flöte
fordert (zum ersten Mal seit der Symphonie Nr. 41, ca. 1770), und der Flötist
Zacharias Hirsch trat in diesem Monat in die Kapelle ein. Die Symphonien Nr.
66-69, die keine Flöte verwenden, gingen unmittelbar der Nr. 61 voran (ca.
1775); ihre innere Reihenfolge ist unbekannt, und man kann kaum darüber
Vermutungen anstellen, es sei denn hinsichtlich des Maßes an Unabhängigkeit der
Stimmführung des Fagotts, die in folgender Reihenfolge zunimmt: 68; 67 und 69;
66.
Die Symphonie Nr. 54
ist im Autograph datiert von 1774; und es besteht kein Zweifel daran, dass eine
Fassung des Werks vollendet war und im selben Jahr vermutlich aufgeführt wurde.
Sie existiert, was für Haydns Symphonien einmalig ist, in unterschiedlichen
authentischen Instrumentierungen, die er in das Autograph in wenigstens zwei
separaten, späteren Stadien eintrug. Die erste wie auch die letzte Fassung (ca.
1776) liegen in diesen vollständigen Einspielungen vor. Die erstere, die
neuerdings als KammerSymphonie anerkannt ist, findet sich in Folge 8; die
letztere, welche die größte Besetzung der Symphonien Haydns vor der Londoner
Zeit aufweist, ist die heute üblicherweise aufgeführte, und sie ist hier
eingefügt.
Die Symphonie Nr. 53,
"L'Impériale", war eine der populärsten Symphonien Haydns in der Zeit
von den späten siebziger Jahren bis zu seiner Londoner Zeit. Sie weist eine
verwickelte Geschichte auf, die wiederum zu zwei unterschiedlichen
authentischen Fassungen führte. Sie bestand ursprünglich aus den Sätzen Vivace
(zunächst ohne die langsame Einleitung), Andante, Menuett und Presto. Das
Prestofinale entstammt einer Ouvertüre zu einem nicht identifizierten Werk
(Hob. Ia: 7) und wird von Robbins Landon in seiner Ausgabe der Symphonien und
in der Literatur als Finale "B" bezeichnet. Obwohl die Ouvertüre von
1777 datiert ist, entstand die Symphonie als solche ca. 1778-79 (für diese
Fassung gibt es keine authentischen Quellen). Bald danach fugte Haydn die
langsame Einleitung hinzu, wobei die Symphonie noch in dieser Gesamtform verblieb.
Um 1780, vermutlich infolge des verheerenden Feuers in Schloß Esterháza vom 18.
November 1779, welches das Musikarchiv des Hofes mehr oder weniger vollständig
vernichtete und dabei auch diese Fassung der Symphonie Nr. 53, stellte Haydn
eine weitere Fassung her, indem er das ursprüngliche Ouvertürenfinale durch ein
neues ersetzte, das mit "Capriccio. Moderato" bezeichnet und als
Finale "A" bekannt ist. Da Haydn mit diesem Finale sein letztes Wort
gesprochen hat und es das einzige in einer authentischen Quelle überlieferte
ist (nun im Archiv von Esterházy), haben wir es dem Menuett folgen lassen;
jedoch haben wir ebenfalls das Finale "B" beigefügt, so dass der
Hörer das Werk auch in seiner ursprünglichen Gestalt hören kann.
Die ursprüngliche
Ouvertüre (Hob. Ia: 7) weist eine abweichende Instrumentierung auf (keine
Flöte; zwei Fagotti); die Urheberschaft der später hinzugefügten Flötenstimme
im Finale "B" ist unbekannt. Der erste Satz beider Fassungen weist,
obwohl keine Trompeten vorgesehen sind, eine authentische Paukenstimme auf,
während die Paukenstimme für das Menuett und Finale in der Quelle Esterházy
dilettantisch ist und daher in dieser Einspielung keine Berücksichtigung
gefunden hat.
©James Webster
Folge 10: Hob.I:62, 63,
70, 71, 73, 74 und 75
Mit der Einweihung des
neuen Opernhauses in Eszterháza im Jahre 1776 (siehe Folge 9) wurde Haydn mehr
oder weniger ein vollbeschäftigter Impresario. Diese neue Ausrichtung auf die
Oper hatte zur Folge, dass er in der Zeit von 1776 bis 1778 nur wenige Symphonien
schrieb. Dies war die erste derartige Unterbrechung seit er in den späten
fünfziger Jahren diese Gattung zu pflegen begonnen hatte. Auch nach der 1779-80
erfolgten Wiederaufnahme mit den hier zu hörenden Werken, komponierte er
durchschnittlich weniger Symphonien als zuvor, und anfangs enthielten diese
"aufbereitete" Ouvertüren; er verwendete die Ouvertüre Hob. Ia: 7
zweimal! (Vergleiche weiter unten die Kommentare zu den Symphonien 63, 62 und
73). Zur Wiederaufnahme der Komposition von Symphonien wie zur Aufbereitung kam
es wahrscheinlich durch den verheerenden Brand in Schloß Eszterháza am 18.
November 1779, der das Opernhaus, viele Instrumente — und den sehr großen
Bestand des Musikarchivs des Hofs vernichtete, einschließlich des größten Teils
des Aufführungsmaterials. Haydn musste sich wohl sehr bemüht haben, um dem
Verlangen des Fürsten nach Musik nachzukommen (das selbst durch die
Feuersbrunst nicht erstickt werden konnte: Opernproduktionen wurden in das
Marionettentheater verlegt, wo Haydns L'isola disabitata wie vorgesehen im
Dezember uraufgeführt wurde).
Ein gleichermaßen
wichtiger Aspekt dieser Symphonien besteht in ihrer ausgesprochen
künstlerischen Bedeutung als Unterhaltung. Der größte Teil steht in erster
Linie für das, was Haydn selbst einmal als "leichtes" Hören
bezeichnet hat; er komponierte hauptsächlich zum Vergnügen eines
aristokratischen Publikums. Diese Ausrichtung auf Unterhaltung hatte eine
allgemeine (wenn auch nicht vollständige) stilistische Neuorientierung zur Folge:
die expressive Intensität des sogenannten "Sturm und Drangs" (Folgen
6-8) wurde nun zugunsten einer Mischung verschiedener Stile (Folgen 9—11)
aufgegeben, in der unbeschwerte, rückhaltlos "populäre" Themen ebenso
vorherrschend sind wie ernste, und eine regelmäßige Phrasenbildung ebenso
wichtig ist wie ausgedehnte Erweiterungen. Diese stilistische "Wende"
wurde traditionell als eine Art Nachlassen beurteilt: bestenfalls als eine Art
Übergang zu den "Pariser" Symphonien (1785-86), schlimmstenfalls als
ein unvermittelter Ausverkauf.
Im Gegenteil, trotz
dieser Unterschiede sind Haydns Symphonien der späten siebziger und frühen
achtziger Jahre so hervorragend gearbeitet, so interessant, tatsächlich so
originell wie die vorangegangenen. Sogar die Kritiker finden Anerkennung für
die sich in ihnen kontinuierlich entwickelnde Meisterschaft, die nicht
nachlassende Experimentierfreude in der Form und Instrumentierung und die
zunehmende Individualisierung der Satztypen. Sie sind reich an eindrucksvollen
und bewundernswerten Passagen, wobei auch die geistreichen und exzentrischen
nicht vergessen werden dürfen. Die langsamen Sätze und Finali lassen neuartige
formale und stilistische Möglichkeiten erkennen; siehe unter den ersteren die
exquisiten Andante-Melo-dien der Symphonien 63 und 73, das vergeistigte
komische/ernste Spiel in dem Allegretto der Nr. 62 und der strenge doppelte
Kontrapunkt in Moll in der Nr. 70; unter den letzteren der nichttonikale Beginn
in der Nr. 62 und die erstaunliche fugato/buffa-Kombination in der Nr. 70. Langsame
Einleitungen werden nicht nur allgemein verwendet, sondern schaffen eine
greifbare Motivik und psychologische Verknüpfungen mit den nachfolgenden
Allegrosätzen (siehe Nr. 71). Das Komische und Ernste sind nicht
"synthetisiert" wie die Ideologie des "Klassischen Stils"
es gerne sehen würde, sondern auf eine Art und Weise nebeneinandergestellt,
dass sie den Eindruck einer bejahten, sogar gesuchten stilistischen Inkongruenz
vermitteln. Sie gehören zu Haydns höchst brillanten komischen Errungenschaften,
die dem Geist der Theaterwelt der Opera buffa angenähert sind, die ihn in
diesen Jahren so beschäftigte. Ein Hinweis auf diese Eigenart wurde vielleicht
von Mozart gegeben, der in den frühen achtziger Jahren die Incipits von zweien
dieser Werke, die Symphonien Nr. 62 und 75 (zusammen mit der Nr. 47), auf einem
Blatt Papier notierte, das einen Eingang für sein Konzert, KV 415 (387a)
enthält; es wird angenommen, dass er ihre Aufführung in einem Konzert erwog.
Ein kaum verstandener
Aspekt der Symphonien in dieser Folge besteht darin, dass sie die letzten
waren, die Haydn für den Hof von Esterházy komponierte. Fürst Nikolaus, der
zunehmend von der Oper besessen war, verlor das Interesse an der
Instrumentalmusik. Nach 1776 gab es keinen einzigen neuen Auftrag für sein
früher geliebtes Baryton. Am Neujahrstag 1779 unterzeichnete Haydn jedoch einen
neuen Vertrag, in dem das frühere Verbot, ohne vorherige Erlaubnis nicht für
andere als den Hof komponieren zu dürfen, aufgehoben wurde. Er hatte wohl den
Fürsten überzeugen können, einen Kompromiß zu schließen, der es ihm
ermöglichte, am Hof zu bleiben, weiterhin für die Oper verantwortlich zu sein
und sein volles Gehalt zu beziehen. Jedoch wurde ihm andererseits
kompositorische und finanzielle Unabhängigkeit in anderen Beziehungen gewährt.
Auch wenn die ersten größeren Früchte dieses neuen Status in Sonaten (Hob. XVI:
35-39 und 20; veröffentlicht 1780) und Streichquartetten (op. 33; 1781)
bestanden, folgten bald Symphonien: Die Nr. 76-78 (1782) waren die ersten, die
er als "Opus" komponierte, und sie wurden im folgenden Jahr in Wien,
London und Paris veröffentlicht. Es folgten die Symphonien Nr. 79-81 (1783-84)
und dann aufgrund eines prestigeträchtigen Auftrags des Concert de la Loge
Olympique die "Pariser" Symphonien (1785—86). Haydns Laufbahn als
Komponist von Instrumentalmusik für den Hof war damit beendet. Die Symphonien
in dieser Folge stellen seinen Schwanengesang in dieser Stellung dar.
Die Werke dieser Folge
wurden alle zwischen (1778-)1779 und 1781 vollendet, auch wenn einzelne Sätze
(hauptsächlich solche, die auf Ouvertüren zurückgehen) früher entstanden waren.
Es ist jedoch keines der Werke im Autograph überliefert, und nur die Symphonien
Nr. 70 und 75 sind in authentisch datierten handschriftlichen Abschriften
erhalten. Annähernd präzisere Daten für diese Werke, und bis zu einem gewissen
Grad auch für ihre innere Reihenfolge, müssen aus indirekten dokumentarischen
Hinweisen ermittelt werden:
(1778-)1779 Nr. 70 und
71 (70: wieder kopiert Ende 1779?)
Ende 1779 Nr. 63 und 75
(63: Sätze I[-II?] von 1777)
(Ende) 1780 Nr. 62 und
74 (62: Satz I von 1777)
1781 Nr. 73 (Finale von
I78o[-81])
Die Symphonie Nr. 70
ist in einer Abschrift aus Eszterháza überliefert und auf den 18. Dezember 1779
(einen Monat nach dem Brand) datiert. An diesem Tag fand die feierliche
Grundsteinlegung für den Wiederaufbau des Theaters statt, und zweifellos wurde
diese Symphonie aus diesem Anlaß aufgeführt. Jedoch wird die übliche Annahme,
dass das Werk für diesen Anlaß neu komponiert worden sei, durch die Tatsache
widerlegt, dass die Aufführungsbezeichnungen, die Haydn in dieser Handschrift
hinzugefügt hat, wie auch die noch späteren autographen Pauken- und
authentischen Trompetenstimmen, in den meisten Quellen nicht zu finden sind.
Dies deutet darauf hin, dass die Handschrift Eszterháza die verlorenen
Originalstimmen ersetzte, von denen die weitere Verbreitung bereits ausgegangen
war. Wenn dies zutrifft, muss die Symphonie sehr wahrscheinlich zu einem
früheren Zeitpunkt im Jahre 1779 oder vielleicht 1778 entstanden sein. Die
autographe Paukenstimme wurde noch später hinzugefügt (die Pauken waren
ebenfalls verbrannt, und bis Ende 1780 wurde kein Ersatz beschafft). Die
Symphonie Nr. 71 ist in einer nichtauthentischen Handschrift von 1780 überliefert,
was darauf hindeutet (wie gewöhnlich in solchen Fällen), dass sie ein oder zwei
Jahre früher komponiert wurde, d. h in enger zeitlicher Nähe zu der Nr. 70.
Die Symphonien Nr. 63
("La Roxelane") und Nr. 75 entstanden wahrscheinlich ebenfalls nach
dem Brand; die Abschrift Eszterháza der letzteren trägt in der Tat auch das
Datum 1779. Diese Handschrift von Nr. 75 weist eine sehr große Ähnlichkeit mit
der von Nr. 63 auf, was darauf hinweist, dass sie als "Paar" kopiert
wurden. Sie weist deutliche Spuren von Eile auf; Haydn war offenbar noch mit
der Komposition des Finales in eigener Handschrift beschäftigt, als die ersten
drei Sätze abgeschrieben wurden. Die Symphonie Nr. 63 besitzt eine verwickelte
Entstehungsgeschichte, die in das Jahr 1777 zurückreicht. Einige Forscher haben
sich indessen für die Existenz einer zusammenhängenden "ersten"
Fassung dieser Symphonie ausgesprochen, was jedoch anhand der Quellen nicht
belegt werden kann. Der erste Satz ist eine Wiederaufbereitung der Ouvertüre zu
Il mondo della luna (1777), wobei nur wenig in der Substanz, jedoch viel in der
Instrumentation verändert wurde. Der zweite Satz beruht auf einer Melodie mit
dem Titel "La Roxelane" (daher der Beiname) aus Haydns Bühnenmusik zu
Soliman dem zweyten (eine volkstümliche Bearbeitung eines französischen
Theaterstücks von Favart), die ebenfalls 1777 in Eszterháza aufgeführt wurde.
Nach dem Brand komponierte Haydn ein neues Menuett und setzte, wiederum in
Eile, zu diesen drei Sätzen ein Finale hinzu, das von ca. 1773-74 stammt (siehe
Folge 8). Das Werk wurde jedoch nie in dieser Form verbreitet, denn unmittelbar
danach ersetzte er dieses Finale durch das endgültige. In dieser endgültigen
Form (die hier zu hören ist) ist das Werk nur mit einem Fagott besetzt
(aufgrund eines vorübergehenden Fehlens eines zweiten Fagottisten in der
Kapelle von Eszterháza), und es fehlen außerdem Trompeten und Pauken. In
einigen nichtauthentischen Quellen für die Symphonie Nr. 75 finden sich auch
letztere Instrumente.
Ende Dezember 1780
forderte Haydn Notenpapier an, denn der vorherige Vorrat (Mitte November
bestellt) war "bereits vollständig erschöpft, teils für die neue Oper,
teils für die beiden neuen Symphonien". Die Oper war La fedeltà premiata,
die im Februar 1781 anläßlich der Einweihung des wiedererrichteten Opernhauses
uraufgeführt wurde, während es sich bei den beiden neuen Symphonien, die
November-Dezember 1780 kopiert und vermutlich kurz zuvor komponiert worden
waren, um die Nr. 62 und 74 handelte. Ihr Verhältnis als "Paar" wird
durch kürzlich in Madrid entdeckte authentische Handschriften bestätigt. Der
erste Satz der Nr. 62 besteht aus einer aufbereiteten Ouvertüre, Hob. Ia: 7
(1777; ursprüngliche Bestimmung unbekannt), die Haydn erstaunlicherweise zuvor
schon einmal ausgeplündert hatte, und zwar für das Finale der ersten Fassung
der Symphonie Nr. 53 (siehe Folge 9). Sie ist unter den Symphonien Haydns darin
einzigartig, dass alle vier Sätze (einschließlich des langsamen Satzes) in der
Tonika D-Dur stehen, was zu verschiedenen nicht belegbaren Spekulationen über
ein "Pasticcio" geführt hat. Außerdem sind die letzten drei Sätze nur
mit einem Fagott besetzt, während der erste Satz von 1777 mit beiden besetzt
ist. Die Symphonie Nr. 73 "La Chasse" ist das letzte dieser Werke;
sie entstand in der zweiten Hälfte des Jahres 1781 und wurde vielleicht Anfang
1782 vollendet. Wie bereits ausgeführt wurde, ist das Finale eine
Wiederaufbereitung der Ouvertüre La fedeltà premiata (daher der Beiname; siehe
weiter unten den Kommentar zu diesem Werk). Haydn fügte die Wiederholung der
Exposition im Autograph hinzu, jedoch vermutlich erst nach der ersten Reihe von
Aufführungen (Februar-April, danach September 1781). Außerdem beruht der
langsame Satz auf seinem eigenen Lied Gegenliebe, das im Frühling oder Sommer 1781
komponiert worden war. Der erste Satz könnte als letzter entstanden sein, denn
im Gegensatz zu den anderen ist er mit einem zweiten Fagott besetzt (die
vakante Stelle war endlich besetzt worden); von dieser Zeit an verwendete Haydn
immer zwei obligate Fagotti. Für die Ouvertüre waren "2 Trombe 0 2
Corni" wie auch Pauken vorgeschrieben; im sinfonischen Kontext sind Hörner
alleine eindeutig beabsichtigt. Das Werk wurde von Torriceila im Juli 1782
veröffentlicht, was wiederum auf die Fertigstellung Ende 1781 oder Anfang 1782
hinweist. Diese vermutlich authentische Edition war zugleich die erste, die
einer Symphonie Haydns zuteil wurde; ihre Bedeutung ergibt sich klar aus der
anschließenden Veröffentlichung der Symphonien 76-78 und 79-81 (siehe oben) bei
derselben Firma.
©James Webster
Mit den elf Symphonien,
die in der Gesamt-Ausgabe als Nummern 82-92 gezählt werden, hat Joseph Haydn
jene Höhe erreicht, auf der seine letzten, die zwölf „Londoner
Symphonien", sowie die ihnen nahestehende „Sinfonia Concertante“ in B-Dur
entstehen konnten. Und so wurde das Jahr 1785, in welchem der Komponist die
ersten beiden der für die Concerts de la Loge Olympique in Paris bestimmten
sechs Werke ablieferte, der Beginn einer neuen Entwicklung auf dem Gebiet der
modernen Symphonie. Ein äußerer Umstand kam dem Meister zugute: bisher daran
gewöhnt, mit einem zwar erlesenen, zahlenmäßig jedoch sehr kleinen Orchester -
es kam im Höchstfalle auf 22-24 Musiker - zu operieren, konnte er nun mit einem
großen Klangkörper rechnen. Das Orchester der Concerts de la Loge Olympique war
gegen das des Fürsten Esterházy riesig zu nennen. Es hatte mehr als 40 Violinen
sowie 10 Kontrabässe, außerdem eine doppelte Besetzung für jede einzelne
Holzbläserstimme. Wenn man aber von dieser neuen Basis aus auf die vielen Jahre
der vorangegangenen symphonischen Entwicklung zurückblickt, dann wird man
gewahr, dass Haydn im Grunde wohl schon früh an eine größere Streicherbesetzung
gedacht hat, um seine symphonischen Absichten zu realisieren. In der Verwendung
der Blasinstrumente richtete der Komponist sich nach den lokalen Gegebenheiten.
Er setzte die Instrumente sehr individuell ein und erzielte damit ganz neue
Klangwirkungen. Sämtliche hier angeführten Symphonien haben neben dem
traditionellen Streichorchester an Bläserstimmen je 1 Flöte, 2 Oboen, 2 Fagotte
und 2 Hörner. Bei sechs Werken sind auch Trompeten und, im Zusammenhang mit
ihnen, Pauken verwendet. Klarinetten findet man hier noch nicht, obwohl Haydn
sie in vielen Divertimenti benutzt hatte. Doch selbst Mozart, der ein enges
Verhältnis zu ihrem Klang hatte, vermochte sich, mit Ausnahme der "Pariser
Symphonie" D-Dur KV 297 von 1778, nur zögernd zu entschließen, das damals
noch neue Instrument in seine Symphonien aufzunehmen.
Die heute bekannte
Reihenfolge der Symphonien Haydns ist beibehalten worden, obwohl sie, nach
neueren Forschungen, nicht mehr in allen Fällen zutrifft.
Schon bei den Pariser
Symphonien Nr. 82-87, deren Überlieferung durch autographe Partituren fast
vollständig gesichert ist, ergeben sich geringfügige Abweichungen. Die
harmonisch ausgewogene Tonartenfolge C-Dur, g-Moll, Es-Dur, B-Dur, D-Dur und
A-Dur entspricht nicht ganz den Entstehungsdaten der Werke. Noch während der
Drucklegung der Symphonien schrieb Haydn aus Esterháza an seinen Verleger
Artaria in Wien, er halte folgende Anordnung für richtig: A-Dur, B-Dur, g-Moll,
Es-Dur, D-Dur, C-Dur. Ganz zuerst aber, nämlich 1785, sind die Symphonien A-Dur
und g-Moll entstanden, sodann die in B-Dur und endlich, im Laufe des Jahres
1786, die übrigen in der von Haydn angegebenen Reihenfolge. Somit ist die
Symphonie C-Dur nun, als zuletzt komponierte, von Haydn selbst als Endglied der
Reihe bestimmt worden, wohingegen sie heute die Gruppe eröffnet.
Die 5 Symphonien Nr.
88-92, die in keinem Zusammenhang mit der Pariser Serie stehen, wurden
höchstwahrscheinlich zwischen 1787 und 1788 komponiert. Am Anfang und Ende
stehen zwei Symphonien in G-Dur, die zu den erhabensten Orchesterschöpfungen
Haydns gehören. Von den insgesamt 11 Symphonien sind 7 mit einer langsamen
Einleitung versehen. Die 1792 entstandene Sinfonia Concertante in B-Dur
Hob.I:105, früher als op. 84 (nicht von Haydn so bezeichnet) bekannt, ist ein
Sonderfall in Haydns Schaffen.
Die für die Pariser
Konzerte komponierten Symphonien übersandte Haydn dem preußischen König
Friedrich Wilhelm II., der sich mit einem wertvollen Diamantring dafür
bedankte. Haydn widmete daraufhin dem Monarchen seine 6 Streichquartette op. 50
(Hob.III:44-49). Den Ring, der 300 Dukaten wert war, hat er fortan stets beim
Komponieren getragen.
In Paris wurden die
neuen Symphonien mit Jubel aufgenommen. Im „Mercure de France" hieß es u.
a., man bewundere immer mehr die Werke dieses ungeheuren Genies, doch würden
sie noch mehr Effekt machen, wenn das Orchester in dem engen und nicht sehr
klangvollen Saal besser angeordnet wäre.
Die Franzosen gaben
einigen Symphonien alsbald schmückende Beinamen, die noch heute bekannt sind.
So wurde Nr. 82 C-Dur L'Ours", Der Bär, genannt, Nr. 83 g-Moll ging als
"La Poule", Die Henne, in die Musikgeschichte ein (in derselben
Tonart sieht auch das beliebte gleichnamige Clavecinstück von Jean Philippe
Rameau), und Nr. 85 B-Dur ist als „La Reine", auch „La Reine de
France", zu einem echten Publikumsstück geworden. Dass die übrigen Werke
dieser Gruppe ohne solche Kennzeichen geblieben sind, hat nichts mit ihrem Wert
zu tun, sondern eher mit dem fehlen direkt erkennbarer äußerlicher Merkmale,
die zu einem solchen Vorgang ermuntert hätten, und auch mit einem gewissen Mangel
an Popularität, der bei einem Werk wie der Symphonie Nr. 86 D-Dur allerdings
verwunderlich ist.
Die Vorgeschichte der
zwölf Londoner Symphonien von Joseph Haydn liest sich fast wie eine moderne
Erzählung: Im Herbst 1790 erhielt der seit kurzem in Wien ansässige Komponist
den Besuch eines ihm bis dahin kaum bekannten Mannes, der ihn mit diesen Worten
begrüßte: "Ich bin Salomon von London und komme, Sie abzuholen; morgen
werden wir einen Accord schließen." Diese Art von Management war also
schon damals üblich. Haydn, in geschäftlichen Dingen nicht unerfahren, war über
diese Attacke des aus Bonn stammenden Geigers und Agenten vielleicht gar nicht
so sehr erstaunt. Nach dem Tode des Fürsten Nicolaus Esterházy, des
"Prachtliebenden", war er pensioniert worden. Fürst Anton, der
Nachfolger, hatte das Orchester aufgelöst und nur die "Feldharmonie",
ein Bläserkorps, behalten. Für sie bearbeitete Haydn, bereits Pensionist,
einige frühe Divertimenti. Nach über drei Jahrzehnten des Lebens auf dem Lande
hatte er sich Wien als Ruhesitz ausgewählt. Doch schon am 15. Dezember 1790
trat er die Reise nach England an. Ahnungsvoll sagte der Freund Wolfgang
Amadeus Mozart: "Ich fürchte, mein Vater, wir werden uns das letzte
Lebewohl sagen"; doch die Besorgnis, er werde in England Schwierigkeiten
mit der Sprache haben, wehrte Haydn mit den Worten ab: "Meine Sprache
versteht man in der ganzen Welt." Auf der Reise nach England machte er in
München Station und traf den Komponisten Christian Cannabich, in Bonn begegnete
er zum ersten Male dem jungen Beethoven, der später sein Schüler wurde, und am
1. Januar 1791 landete er nach stürmischer Überfahrt in Dover. In einem Brief
an die verehrte Frau Marianne von Genzinger schilderte er die Leiden des
Seefahrers. Dabei denkt man an die Worte seines Biographen Georg August
Griesinger, dass Haydn "vorzugsweise die komische Seite eines
Gegenstandes" zu entdecken pflegte.
Neu war für den aus
Österreich kommenden Meister das reiche Konzertleben in der englischen Metropole.
Es war nicht nur einer bevorzugten Klasse vorbehalten, sondern umfasste die
gesamte Bevölkerung. Zahlreiche Konzertvereinigungen - es gab sogar schon seit
1701 eine "Academy of Ancient Music", und ihr Gründer war der
brandenburgische Musiker Johann Christoph Pepusch - belebten das kulturelle und
gesellschaftliche Leben der blühenden Hauptstadt Britanniens. Den
"Professional Concerts" standen die "Salomon Concerts" in
manchmal recht heftiger Fehde gegenüber. Das Orchester der Salomon-Konzerte, in
denen Salomon als "leader", d. h. Konzertmeister, fungierte, hatte zu
der Zeit von Haydns erstem Aufenthalt zwischen 1791 und 1793 einen Bestand von
etwa vierzig Musikern. Je nach Bedarf konnten Verstärkungen herangeholt werden.
Haydn war der "conductor"; er dirigierte vom Klavier aus (das er nur
symbolisch bediente). Für den Komponisten bedeutete dies eine Umstellung, zumal
er in Esterháza ein viel kleineres Orchester zur Verfügung gehabt hatte. Da er
jedoch mit musik- und klangtechnischen Problemen seit vielen Jahren vertraut
war, gelang es ihm schon bald, mit der neuen Wirklichkeit fertig zu werden. In
den zwölf Londoner Symphonien hat er die vom ihm vielfältig ausprobierten
Möglichkeiten der Orchesterbesetzung zu einer verbindlichen Norm für die
Symphonie schlechthin erhoben. Fünf der neuen Symphonien haben je zwei Flöten,
Oboen, Fagotte, Hörner, Trompeten sowie Pauken neben dem Streichorchester. Es
sind die Nummern 93, 94, 96, 97 und 102. mir eine Flöte statt zweien haben die
Symphonien Nr. 95 und 98; Nr. 100, die "Militärsymphonie", hat
überdies auch eine reiche Schlagzeugausstattung. In die Symphonien Nr. 99 bis
101 sowie 103 und 104 hat der Komponist die damals nur selten verwendeten
Klarinetten aufgenommen. Im Rahmen dieses nach heutigen Begriffen noch recht
bescheidenen Instrumentariums hat Haydn eine Meisterschaft in der Entwicklung
von Klangkombinationen entfaltet, die, wie Nikolai Rimsky Korssakoff und
Richard Strauss es bezeugt haben, seinen hohen Rang als Instrumentator
bestätigen und ihn sogar als den Begründer der modernen Instrumentation
ausweisen. Das kam nicht von ungefähr. Haydn selbst hat sich gegenüber
Griesinger zu seiner langen Kapellmeistertätigkeit geäußert: Ich konnte als
Chef eines Orchesters Versuche machen, beobachten, was den Eindruck
hervorbringt und was ihn schwächt, also verbessern, zusetzen, wegschneiden,
wagen. Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an
mir irremachen und quäIen, und so mußte ich original werden." Dieses
Bewusstsein vom eigenen Wert war für Haydn eine der Quellen der Erfindung
seiner schöpferischen Energie. Es hat ihn befähigt, äußeren Widerständen Trotz
zu bieten, die ihm innewohnenden Kräfte zu ordnen und als Steine für den Aufbau
seines riesigen Lebenswerkes zu verwenden.
Rein äußerlich
betrachtet, könnte man an Haydns Originalität zweifeln, denn die zwölf
Symphonien der Londoner Jahre, sein Vermächtnis an die Nachwelt, zeigen ein
relativ gleichförmiges Bild: Alle sind viersätzig, und nur eine einzige hat
keine langsame Einleitung zum ersten Satz. Wer sich nicht die Mühe macht, genau
zuzuhören, und sich von der Logik der Gedankenabfolge, aber auch von der
dramatischen Schlagkraft dieser Musik überzeugen zu lassen, dem könnte es
vorkommen, dass einzelne Sätze von Symphonie zu Symphonie austauschbar wären.
Dem ist jedoch nicht so. jedes Werk mit seinen vier Sätzen ist ein
unverwechselbares Individuum, und immer wieder muss man staunen, wie Haydn es
fertig gebracht hat, innerhalb von vier Jahren nicht nur diese zwölf
Symphonien, sondern auch noch viele andere Werke, darunter eine große Oper, zu
schaffen.
Die beiden Gruppen von
je sechs Symphonien sind in ziemlich kurzen Zeiträumen entstanden: Nr. 93-98
gehören den Jahren 1791 und 1792 an, Nr. 99 wurde 1793 in Wien komponiert, Nr.
100 ein Jahr später daselbst begonnen, Nr. 101-104 sind 1794-1795 geschrieben.
Die Uraufführung fast aller Symphonien hat meist bald nach der Entstehung in
London stattgefunden. In der Reihenfolge der Niederschrift und der Premiere
haben sich inzwischen einige kleine Änderungen ergeben, die auf neuere
Forschungen zurückgehen, die dem verdienstvollen Haydn-Kenner Eusebius
Mandyczewski zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht zugänglich waren. Eine
Befolgung dieser Kenntnis würde eine vollkommen neue Zählung nötig machen. Man
hat aber darauf verzichtet, was Vor- und Nachteile mit sich bringt. Die
Vorteile lägen insofern auf der hand, dass sich die kompositorische Entwicklung
besser nach verfolgen ließe. Der Nachteil hingegen überwiegt, denn eine
Neuzählung müsste bekannte Symphonien neuer Nummern vergeben. Die Irritation
wäre Größer, als der Nutzen.
So aber erfährt man,
dass nicht Nr. 93 D-Dur die zuerst aufgeführte Londoner Symphonie war, sondern
Nr. 96, die in derselben Tonart steht. Die letzte Symphonie der ersten Gruppe
war auch nicht Nr. 98, sondern Nr. 97. In der zweiten Gruppe wären Nr. 100 und
101 auszutauschen, zwischen deren Premieren ohnehin nur vier Wochen lagen. Die
meisten Erstaufführungsdaten lagen in den Monaten Februar und März. Als
spätester Uraufführungsmonat war der Mai auszumachen, an dessen Anfang im Jahre
1792 die Premiere von Nr. 97 stand. Die Symphonien sind nicht nur einmal in
London aufgeführt worden, sie haben viele Wiederholungen erlebt. In manchen
Konzerten mussten sogar Einzelsätze repetiert werden, weil das Publikum von
dieser Musik stets von neuem begeistert war. Die englischen Zeitungen waren
voll des Lobes und priesen immer wieder den Einfallsreichtum, die köstliche
Instrumentierung, die innige Empfindung der langsamen Sätze und den Humor der
Finalsätze. Haydn wurde in Gedichten verherrlicht, aber das für ihn wichtigste
Ereignis war seine Promotion zum Ehrendoktor der Musik durch die berühmte
Universität Oxford im Jahre 1791, bei welcher Gelegenheit die Symphonie G-Dur
(Nr. 92) gespielt wurde, die seitdem "Oxford-Symphonie" genannt wird.
[1] vgl. FEDER, Georg: Joseph Haydn als Mensch und Musiker. In: Österreichische Musikzeitung,
Jahrgang 27, Heft 2. Februar 1972
[2] POHL, Carl
Ferdinand: Joseph Haydn. Leipzig,
1927. Bd. III, S. 261
[3] LARSEN, Jens Peter / FEDER, Georg: Haydn. In: The New Grove. Stuttgart, 1994. S. 94
[4] vgl. GERLACH, Sonja: Haydns
Orchesterpartituren: Fragen der Realisierung des Textes. In: Haydn-Studien, Bd. V, Heft 3.
München, 1984. S. 169
[5] vgl. WEBSTER, James: Haydn Symphonies c. 1757-60. Volume 1, S. 46 ff.
[6] H.C. Robbins Landon bezeichnete die
Symphonien 107 und 108 mit A und B.
[7] WEBSTER, James: Haydn Symphonies c.
1757-60. Volume 1, S.
46 ff.
[8] vgl. GERLACH, Sonja: Joseph Haydns
Symphonien bis 1774, Studien zur Chronologie. Haydn-Studien, Bd. VII, Heft 1/2. Köln, 1996. S.
13
[9] GERLACH, Sonja: Joseph Haydns
Symphonien bis 1774, Studien zur Chronologie. Haydn-Studien, Bd. VII, Heft 1/2. Köln, 1996.
Und: Die chronologische Ordnung von Haydns Symphonien zwischen 1774 und 1782. In: Haydn-Studien, Bd. II, Heft 1.
Köln, 1969. S. 34